Wohin führt die schamanische Reise?
von Carlo Zumstein
Michael Harner hat nachgewiesen, dass die schamanische Reise ein Kernelement vieler schamanischer Traditionen ist. Durch Trancetechniken verändern die Schamanen ihr Bewusstsein und «reisen» aus der alltäglichen in die Nichtalltägliche Wirklichkeit, eine Wirklichkeit ausserhalb von Raum und Zeit. Dort begegnen sie ihren Verbündeten, deren Kraft und Weisheit sie in die Alltagswirklichkeit zurückbringen.
Michael Harner hat die Reisetechnik auf unsere Verhältnisse übertragen. Sie basiert vor allem auf vier Bewusstseins-Phänomenen, die vorwiegend durch monotones Trommeln ausgelöst werden: Veränderung des Bewusstseinszustandes, Eintauchen in eine Schwellenzone wie zum Beispiel einen dunkeln Tunnel, gleichzeitige Auflösung der Ich- und Raum-Zeitgrenzen, schliesslich das Einheitserlebnis mit den Kräften des Universums.
Mit der Reise-Technik des Core-Schamanismus können wir uns auf dem Zimmerboden liegend vom Rhythmus der Trommel in die untere oder obere Welt der Nichtalltäglichen Wirklichkeit zu unseren Krafttieren respektive Lehrern/Ahnen tragen und von dort zurückholen lassen. In den Seminaren wird immer wieder gefragt: «Wo ist die untere Welt, wo die obere? Wohin reisen wir eigentlich? Wer sind diese Krafttiere und Lehrer? Ist alles nur Einbildung?» Eine Teilnehmerin sagte einmal: «Ich muss mir die schamanische Welt vorstellen können. Ich bin ein denkendes Wesen. Mein Denken gibt mir Sicherheit und Vertrauen.»
Schamanen stützen sich auf Erfahrungswissen. Darum scheinen Erklärungen ausreichend wie: «Die untere Welt wird erreicht, indem man hinunter reist, in die obere reist man hinauf.» In Büchern über Schamanismus wird oft von der Reise in ein Parallel-Universum gesprochen. Beides sind Beschreibungen von Bewegungen im dreidimensionalen Raum. Dies ist die Domäne der Physik. Unser Bewusstsein ordnet die Wirklichkeits-Erfahrung automatisch in physikalische Kategorien ein.
Physikalisches Bewusstsein
Die oben zitierte Seminarteilnehmerin spricht für viele heutige Menschen. Wir verfügen über ein hochentwickeltes Denk und Vorstellungsvermögen. Dafür haben wir viele Jahre unserer Jugend die Schulbank gedrückt. Lange genug, um uns davon abhängig zu machen. Denken ist zusammen mit Wahrnehmung zum Inbegriff von Bewusstsein geworden. Wir brauchen eine Vorstellung von der Welt und wir müssen verstehen, was mit uns passiert, damit wir uns sicher fühlen.
Die Erziehung hat uns trainiert, alle Wahrnehmungen ganz selbstverständlich als Ereignisse im dreidimensionalen Raum und in der linearen Zeit einzuordnen. Wir haben ein physikalisches Bewusstsein entwickelt, ein Bewusstsein das die Ereignisse ganz automatisch in die Gesetzmässigkeiten der Physik einordnet. Das physikalische Bewusstsein wiederspiegelt sich auch in unserer Sprache. Einerseits zwingt sie uns, alle Ereignisse in einem linearen Zeitlauf zu beschreiben. Andererseits sind sehr viele Verben mit einem raum- oder zeitlosen Präfix versehen, wie zum Beispiel vorstellen, übergeben, unterlassen, nachsehen, abkaufen, auswählen…
So ist es kein Wunder, dass wir auch die schamanischen Reisen als physikalische Ereignisse erfahren. Der Begriff «Reisen» beschreibt eine Bewegung durch den physikalischen Raum. Obwohl wir leichthin sagen, die Nichtalltägliche Wirklichkeit sei ausserhalb von Raum und Zeit. Auf unseren Reisen fliegen oder wir wandern durch raumhafte Gegenden, wir erleben zeitlich geordnete Abläufe.
Die Wirklichkeit der Elemente
Wenn also schamanisches Reisen eine Angelegenheit unseres physikalischen Bewusstseins ist, brauchen wir eine Physik des Schamanismus. Wie müsste diese aussehen, damit sie Fragen beantworten kann, wohin die schamanische Reise führe, wo die Nichtalltägliche Wirklichkeit sei?
Physik ist die Wissenschaft der Grundgesetze der Natur. Wir Menschen erfahren die Natur primär als körperlich, stofflich, materiell. Unsere Alltagswirklichkeit ist eine materielle, eben physische Welt. Die Physik erforscht letztlich immer die Wirkungen der Naturkräfte auf die feste Materie oder in der Materie. Dies gilt insbesondere auch für die an sich immateriell erfahrenen Kräfte wie Erdmagnetismus, Elektrizität und atomare Kräfte. Der Physiker sucht nach einer physischen, d.h. materiellen Grundlage dieser Kräfte, respektive erforscht ihre Wirkungen auf die Materie. Kraft wirkt durch Materie und bewirkt in ihr Veränderungen ihrer Form, Dichte, Schwere und inneren Zusammensetzung (stoffliche Umwandlungen).
Aus einer mehr alchimistischen Sicht kann alles Stoffliche, Materielle dem Element Erde zugeordnet werden. Erde ist eines der fünf Elemente, zu denen Luft, Feuer, Wasser und Metall gehören.
An unseren Lebensvorgängen wirken neben dem Erdigen das Feuer in den Oxidationsprozessen, das Wasser in unseren Körperflüssigkeiten, die Luft in der Atmung zusammen. Die Physik beschreibt die Welt aus der Sicht des Erdigen. So führt sie auch die Wirkung von Feuer letztlich auf stoffliche Veränderungen zurück.
Physiker wie Einstein, Heisenberg, Maxwell, Pauli haben uns gelehrt, dass sich die Welt immer so zeigt, wie wir sie sehen wollen. Der Beobachter beeinflusst und bestimmt die Art wie sich die Welt zeigt. Wie würde eine Physik aus der Sicht der Elementarkraft Feuer aussehen? Es scheint, dass die Physiker auf der Ebene der Energiequanten selbst immer wieder vor der Entscheidung stehen, diese als Korpuskel (Element Erde) oder als Lichtstrahl (Element Feuer) wahrzunehmen.
Auf der Suche nach einer Physik der Lichtwirklichkeit
Wir Menschen scheinen an sich frei zu sein, aus welcher Perspektive wir zur Einsicht in die Gesetzmässigkeiten der Welt gelangen wollen. Doch wir werden in eine historisch und gesellschaftlich vorgegebene Wirklichkeitssicht hineingeboren. Seit Galileo Galileis «Nachrichten von neuen Sternen» im Jahre 1610 hat die Physik in einem atemberaubenden Siegeszug unsere Köpfe und unsere Welt revolutioniert. Unser Bewusstsein ist physikalisiert. Ihre Anwendungen in der Technik beherrschen alle Bereiche unseres Leben. Wie würde wohl eine Physik des Feuers unsere Wirklichkeit und unser Bewusstsein prägen?
Lange bevor wir uns der Freiheit der Wirklichkeitserfahrung bewusst sind, wird unser Bewusstsein und unsere Wirklichkeitserfahrung nach dem Vorbild der Eltern geprägt. So ist für uns selbstverständlich die Alltagswirklichkeit als physische ebenerdige Welt zu erfahren. Ebenso selbstverständlich ist es für uns, die im Träumen erfahrene Lichtwirklichkeit als unwirklich einzuordnen. Erst wenn durch ein Trauma, eine Krankheit, ein Nahtoderlebnis die Wirklichkeit zusammengebrochen ist, kann sich uns eine neue Art der Wirklichkeitswahrnehmung eröffnen. Genau dies scheint bei Schamanen der Fall zu sein.
Entweder wurde die Schamanin oder der Schamane durch die Eltern in eine ungewohnte Sichtweise der Welt eingeführt. Oder diese brach unter Schock, während einer Krankheit, nach einem Schicksalsschlag, auf einer Visionssuche in der Wildnis durch. Die nächstliegende Einsicht in die Welt scheint jene zu sein, sie als Leuchten der unzerstörbaren universellen Energie wahrzunehmen. Dies ist eigentlich nicht erstaunlich, weil wir jede Nacht im Traum in eine Lichtwelt hinein erwachen; Lichtwelten wie sie heute auch mit Lasertechnologie geschaffen werden können.
Während meiner Aufenthalte bei den Schamanen Sibiriens habe ich sie immer wieder vergebens gefragt, wie sie die Nachtalltägliche Wirklichkeit und ihre Geister sehen. Für die Schamanen sind dies überflüssige Fragen. Für sie ist das Sehen der Geister und ihrer Kräfte genauso selbstverständlich, wie mir meine FestkörperSichtweise der Welt. Für sie leuchtet der Baum, der Stein, das Wasser als lebende und beseelte Wesenskraft. Die Schamanen in Tuva haben uns hergereiste Europäer immer wieder ausgelacht, wenn wir uns in einen veränderten Bewusstseinszustand versetzen mussten, um unsere Verbündeten zu sehen.
Reise ins Licht
Und damit komme ich zur Beantwortung unserer Frage: Wohin führt die schamanische Reise? Auf der schamanischen Reise durchbrechen wir die Festkörper-Sichtweise und wechseln zur Licht-Sichtweise der Welt. Obwohl diese Beschreibung wieder einen Weg suggeriert, führt die Reise nirgendwohin. Im schamanischen Bewusstseinszustand zeigt sich die Welt nicht als räumliche Ansammlung von festen, schweren Körpern, auf deren dichter Oberfläche das Sonnenlicht farbig abstrahlt. Sondern alles was ist leuchtet aus sich selbst heraus, es zeigt sich in seinem lebendigen und beseelten Aspekt. Die Einordnung dieser Erlebnisse in eine räumliche und zeitliche Welt ist ein Artefakt unseres Bewusstseins.
In der Nichtalltäglichen Wirklichkeit bin ich in derselben Welt, wie ich sie im Alltagsbewusstsein erlebe, aber sie ist nun ganz Leuchten des Feuers, das aus allem Lebendigen strahlt. Die schamanische Reise führt mich auch nicht in mein Inneres, wie die Psychologie annimmt. «Innen» ist eine Raumbezeichnung, die ins Innere des physischen Körpers weist, aber dort sind nichts als Organe. Innen kann nur der Ort des Leuchtens der Lebenskraft selbst sein, und dies ist überall. Überall leuchtet unsere Seele in ihrer je ureigenen Kraft.
Auf der schamanischen Reise ist der Weg durch den Tunnel in die untere Welt respektive durch die Atmosphäre in die obere Welt im Grunde die Überwindung der Mauern der Erziehung zur Festkörper Sichtweise der Welt. Man könnte auch sagen, auf der schamanischen Reise vollziehen wir jedes mal einen Paradigma-Wechsel, den Wechsel von der Erfahrung der Erdwelt zur Lichtwelt. Die Nichtalltägliche Wirklichkeit ist überall.
