Schamanismus – das älteste Wissen vom Heilen?


von Carlo Zumstein, 2006

Der Schamanismus-Boom
Wer heute «Schamanismus» in die Suchmaschine von Google eingibt, erhält 1′480 000 Einträge. Der Schamanismus-Boom in der westlichen Welt setzte Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein. Er hat immer weitere Kreise erfasst. Heute besuchen auch Lehrer, Therapeuten und Ärzte Weiterbildungs-Seminare in Schamanismus. Oft stellen sie sogar die Mehrheit der Teilnehmenden. Managergruppen machen Schwitzhütten, laufen übers Feuer oder gehen auf Visionssuche in die Wildnis.
Auch ich habe mich damals von meiner Frau überzeugen lassen, gemeinsam schamanische Praktiken auszuführen, in der Hoffnung, einen alternativen Weg aus meinen Depressionen zu finden. Seither ist Schamanismus zu meinem Lebensweg geworden. Vielleicht ist dies zugleich die treffenste Antwort auf die Frage: Was ist Schamanismus? Der Schamane, die Schamanin gestaltet jeden Schritt des Lebens in Übereinstimmung mit den ursprünglichen Lebenskräften.

Schamanismus – das älteste Wissen vom Heilen
In den Büchern und Medien wird Schamanismus als das älteste Wissen vom Heilen beschrieben, bei den Naturvölkern während Jahrtausenden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Schamanen und Schamaninnen sind die Symbolfiguren von Wunderheilern und Eingeweihten in die Geheimnisse der Natur. Es wird viel von Renaissance des Schamanismus und der Rückkehr der Schamanen gesprochen. Vielleicht aber ist es ein letztes Aufbäumen der archaischen Kraft des Schamanismus vor seinem endgültigen Aussterben.

Schamanismus heute: drei Annäherungen
Suchen wir nach Wegen, Schamanismus so zu verstehen, dass wir das Wissen und die Kraft der Schamanen für unser täglichen Lebens nützen können.

1. Core-Schamanismus : Schamanismus der Heilmethoden
Für die meisten Experten ist Schamanismus das, was der Schamane, die Schamanin tut. Um die Methoden und Techniken der Schamanen hat sich vor allem der amerikanische Anthropologie-Professor Michael Harner verdient gemacht. Er seinerseits stützt sich auf einen Altmeister der Schamanismus-Forschung ab: Mircea Eliade, ein französischen Religions-Ethnologen, der allerdings hauptsächlich vom Schreibtisch aus geforscht zu haben scheint. Harner sagt:

«Eliade entdeckte, dass die hervorstechenste Eigenschaft eines Schamanen die ist, dass er in andere Welten reist. Hier liegt der Eckstein für den Schamanismus, für seine ernst-hafte Praxis. Denn durch die Reise lernt der Schamane oder derjenige, der sich in Ausbildung befindet, die Geister zu kontaktieren: direkt von den Geistern zu lernen und von ihnen Hilfe zu bekommen.»

Die schamanische Reise ist die zentrale Methode in Harners Core-Schamanismus (Core = Kern). Harner hat viele Jahre bei verschiedenen Gemeinsam mit Sandra Ingerman, seiner langjährigen Weggefährtin, hat er im Core-Schamanismus die wichtigsten schamanischen Heilmethoden für westliche Menschen lern- und praktizierbar gemacht:

Rückholung von Krafttieren
Seelenrückholung: Zurückbringen von verlorenen Anteilen der Seele
Extraktion von spirituellen Eindringlingen
Divination
Counseling: die schamanische Beratung
die Begleitung von Sterbenden, die Hilfe für verlorene Seelen, die Lösung von Besetzungen

Alle Heilmethoden basieren auf der schamanischen Reise. Wir werden diese schamanischen Heilmethoden in einem der kommenden Artikel ausführlicher darstellen.

Mit der Foundation for Shamanic Studies hat Harner ein weltumspannendes Netz von Lehrbeauftragten aber auch Feldforschern geschaffen, die sich um die Erhaltung und Verbreitung des Schamanismus angenommen haben. Ich selbst habe während zehn Jahren in der Schweiz, Süddeutschland und Italien als Lehrbeauftragte der FSS Seminare veranstaltet. Vor zwei Jahren haben wir uns getrennt.

Die schamanische Reise
Praktisch wird die schamanische Reise so ausgeführt: Man legt sich zuhause auf den Boden, stellt sich vor, an einem kraftvollen Platz in der Natur vor einer Erdöffnung zu stehen. Man lässt sich durch anhaltendes monotones Trommel in den sog. schamanischen Bewusstseinszustand versetzen. Doch statt sich von einströmenden Tranceerlebnissen treiben zu lassen, strebt man zielgerichtet durch den dunkeln Erdtunnel in die untere Welt. Das ist eine lichtvolle Sphäre der spirituellen Welt. Dort ruft man nach seinem Krafttier.

Krafttiere sind spirituelle Verbündete ausserhalb von Raum und Zeit, die sich in Tiergestalt zeigen. Darum kann man sie vertrauensvoll um Hilfe für sich selbst bitten oder für einen anderen Menschen, der darum ersucht hat. Wenn die Trommel durch einen Rhythmus-Wechsel zurückruft. Bringt man die Kraft und Weisheit in durch den Tunnel in die Alltagswirklichkeit zurück.

Analog dazu wird die Reise in die obere Welt gemacht. Statt des Erdtunnels durchstösst man auf dem Weg in die Höhe eine Sphärenkuppel. Darüber trifft man spirituelle Verbündete in der Gestalt von Ahnen an, – Blutsahnen (unsere Verwandten), Wissensahnen (Pioniere unseres Wissens, wie Einstein) oder mythisch-religiöse Ahnen (Heilige, Engel).

Ich habe durch die schamanische Reise Heilung meiner Depressionen gefunden. Inzwischen habe ich bei Hunderten von Menschen erlebt, wie sie durch regelmässige Kontakte mit ihren persönlichen Verbündeten, absolut verlässliche, ihnen immer zugewandte Helfer gefunden haben, deren Kraft und Weisheit sie auch durch den Alltag begleitet. Die Sehnsucht, nie mehr allein zu sein wird zur Gewissheit. Für die schamanische Reise braucht es einen kraftvollen Ort in der Natur, einen ungestörten Ort zuhause, eine Musik, deren monotoner Rhythmus das Bewusstsein erweitert, aber auch wieder zurück ruft!

2. Traumzeit-Schamanismus. Träumen als Urform der schamanischen Reise
Im Schlaf erwacht der Schamane in uns. Wir tauchen wieder in unser Traumzeitwissen ein. Schamanen pflegten die Kunst des Träumens. Schamanismus ist eine hoch entwickelte Form des Träumens.
Unser Schlafen verläuft wie eine schamanische Reise. Das Bett ist unser Kraftplatz. Wir legen uns hin und versinken im Tunnel des Nachtschwarzen Nichts. Unsere Träume sind die Begegnungen mit den Kräften und Wesenheiten der spirituellen Welten ausserhalb der von Raum und Zeit, – auch ausserhalb des Unterbewusstsein oder Unbewussten. Denn das geschichtete Bewusstsein und die Trennung in eine Innen- und Aussenwelt sind psychologische Konzepte unserer räumlichen Wachwelt. Beim Träumen lösen sie sich auf, wir transzendieren sie. Wie kehren zu den Traumzeit-Schamanen in die Einheit mit dem grossen Ganzen des Universums ein.
Unsere Träume sind Schöpfungsmythen vor jeder Zeit und jedem Raum. Durch den Tunnel des traumlosen Schlafes kehren wir wieder in die Wachwelt zurück oder werden vom Wecker gerufen. Eine echte schamanische Reise.
Psychologen deuten die Träume. Sie ordnen die Erlebnisse während der Traumreise in die Bedeutungsmuster der Wachwelt ein. Leider tun es mit ihren schamanischen Reisen auch. Weil es in ihrer Kosmologie keine von den Menschen unabhängige spirituelle Mitwelt gibt.
Wenn ich Träumen als nächtliche schamanische Reise anerkenne, dann wird Träumen zur Begegnung mit spirituellen Kräften. Ich finde Traumverbündete dir mir helfen, heilsame, spirituelle Kraft aus den Träumen zurückzubringen. Alpträume und beklemmende Traumfragmente sind abgebrochene Schöpfungsmythen. Sie nehme ich nochmals auf eine schamanische Reise mit und träume sie zu einem guten Ende.

3. Der Schamane als Archetyp des Schöpfers, Gestalters, Wandlers
Michael Harner hat den Schamanen als Heiler und Anwender von Heilritualen in unsere zivilisierte Kultur zurück gebracht. Natürlich gibt es inzwischen auch viele indigene Schamanen, die ihr Heilwissen und ihre Tradition bei uns lehren. Heute kann man hier Lakota-Schamane, Maya-Schamane, toltekischer Schamane werden, eine mehrjährige Ausbildung in sibirischem oder nepalischem Schamanismus absolvieren, ja sogar von einem Schamane einer indigenen Tradition die Initiation erhalten oder gar als spiritueller Sohn oder als Tochter adoptiert werden.
In Sibirien habe ich mehrfach die dortigen Schamanen begleitet, bin mit ihnen tagelang durch die Steppe zu den verstreuten Jurten gefahren. Gemeinsam haben wir bei den Nomanden-Familien Heilarbeit gemacht. Als ich dort war habe ich Tag und Nacht geträumt. Ich habe die Steppe singen gehört. Die Winde haben mir Geschichten aus alten Zeiten erzählt. Ein Teil meiner Seele ist dort geblieben. In meinen Träumen besuche ich sie oft.
Träumen ist das Urerlebnis und die Urform des Schamanismus. Entstanden könnte er sein, als der Mensch zum Selbstbewusstsein erwacht ist. Damit ist auch die Angst und Sorge ums existenzielle Überleben erwacht und das Fragen nach sich selbst: Wer bin ich, woher komme ich? Wohin bin ich unterwegs? Wer hat die Welt um mich herum geschaffen, und wozu? – Damit wechseln wir nochmals die Perspektive. Wir betrachten die Rolle des Schamanen in seiner Gemeinschaft.

Die Suche nach Gewissheit
Heute wissen wir, dass die Menschheit auf der Suche nach Überlebens-Sicherheit zwei diametral entgegengesetzte Wege eingeschlagen hat. Wir zivilisierten Menschen sind Nachfahren jener, die beschlossen haben, sich die Erde untertan zu machen, ihre Kräfte zu beherrschen, extensiv zu nutzen und die Erde selbst zur toten Rohstoffkammer zu degradieren.

Die Naturvölker sind nach dem Erwachen des Bewusstseins in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Sie haben versucht, die verlorene Einheit mit der Erde wieder herzustellen, gleichsam in den Mutterschoss der Erde zurück zu kehren, in Harmonie mit all ihren Geschöpfen zu leben, ihre Kräfte, Rhythmen und Gesetze zu respektieren. Sie haben den Himmel um Blitze gebeten, wenn Feuer sie vor Kälte schützen sollte, oder um Regen, wenn sie Durst litten. Mit den Tieren, die sie jagen mussten, haben sie ein Bündnis geschlossen.

Der Schamane als Mittler zwischen Mensch und Geister, Priester, Alchemist, Krieger
Der Schamane scheint der Mittler zwischen den übermächtigen Kräften der Erde und den Menschen gewesen zu sein. Auserkoren von der Gemeinschaft musste er hat sich in die Ursprüngliche Einheit mit der Natur und dem grossen Ganzen zurück träumen. In seinen Träumen fand er die Erdkräfte, so wie er sich selbst sah nur viel mächtiger. So begann er mit gemeinsam mit seiner Sippe Rituale und Zeremonien abzuhalten, um die mächtigen Geister günstig zu stimmen. So sind alle Jahreszeitrituale und viele unserer heutigen Feste entstanden, der Steinkreis als Urform unseres Chronometers, die Kraft und Kultplätze.

Die Schamanen haben von den Pflanzengeister das Heilen gelernt, von den Mineralien die Alchemie. Von den Gestirnen die Jahreszeiten. Sie haben aber auch Kräfte gesucht, um sich zu Schützen und gegen Eindringlinge zu kämpfen. Die Schamanen waren die ersten Krieger.

Die tiefe Beziehung der Schamanen zur Natur und ihr Wissen um ihre Geheimnisse ist aus der existenziellen Sorge ums Überleben entstanden. Wenn ich heute mit Menschen zur Visionssuche nach Nepal oder in die Wüste gehe, bringen alle eine immer perfektere Outdoor Ausrüstung. Und wenn ich sie doch mal den Naturkräften aussetze, dann ernte ich Kritik.

Der Schamane als Schöpfer und Bewahrer des Mythos und Geschichtenerzähler, Priester , Lehrer
Der Schamane hat bei den übermächtigen Schöpferkräften der Erde und des Universums aber auch Antworten auf die Grundfragen des Daseins gesucht. Er hat für seine Gemeinschaft einen Schöpfungsmythos kreiert. Eine Geschichte über die Entstehung der Erde, die Geburt der Gemeinschaft und deren Daseinsbestimmung. Eine Mythos, der die Tabus und Riten des Zusammenlebens in einen Sinnzusammenhang bringt und dem Einzelnen über die existenziellen Herausforderung, Geburt, Tod und Krankheit und die Entwicklungskrisen hinweg begleitet.

Aus dieser Vermittlerfunktion hat man den Schamanen auch den Brückenbauer genannt. Als solcher hatte er viele Funktionen, die heute bei uns von Spezialisten übernommen werden. Priester, Lehrer, Künstler.

Heute sind es nicht mehr die Kräfte der Wildnis, die uns bedrohen. Die existenziellen Herausforderungen sind weitgehend besiegt, wie haben zu essen, ein Dach über dem Kopf unsere Nachkommenschaft ist gesichert. Wir haben viel mehr als wir brauchen. Es ist die Seelenwildnis, die viele Menschen bedroht. Es gibt keinen verbindlichen Mythos mehr gibt. Wir finden uns immer neuen Widersprüchen zwischen den Kräften unserer Zivilisation verstickt: Religion, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Recht, Psychologie. Vor allem aber sind wir dem Widerspruch zwischen Zivilisation und Natur ausgesetzt, um uns und in uns.

Heute leiden viele Menschen am Mangel eines tragfähigen Lebensmythos. Doch wir brauchen keine neuen Religionen. Das Verständnis des Schamanen als Schöpfer des Mythos kann uns helfen, die Freiheit und Verantwortung für die Gestaltung unseres eigenen Mythos zu übernehmen. Wobei es nicht nur einen Schamanen braucht, der zwischen Jenseitigen und diesseitigen Kräften vermittelt, sondern zwischen den zeitlosen Kräften der Natur und den rationalen Kräften unserer linearen Kultur. Am Horizont erscheint der Schamane als Urmystiker.