Meta-Schamanismus


von Carlo Zumstein

Im Leitartikel des Seminarprogramms 1999 habe ich den Begriff «Meta-Schamanismus» eingeführt und bin froh, dass er gut aufgenommen worden ist. Ich will diesen Zugang zur schamanischen Erfahrung der Kraft von Alltagserfahrungen nochmals kurz verdeutlichen. Ausführlicher dargestellt habe ich ihn im Buch «Reise hinter die Finsternis».

Core-Schamanismus basiert auf den Methoden der nativen Schamanen. Er ist ein bewährter Weg, uns zivilisierten Menschen den Zugang zur eigenen spirituellen Kraft und Weisheit zu öffnen. Doch wenn bei einem Menschen spontan schamanische Erfahrungen durchbrechen und Angst auslösen, wie es in unserer virtualisierten Welt immer öfter vorkommt, können wir diese nicht einfach auf die alten Schamanen zurückfuehren. Stanislav Grof und andere Forscher sprechen aus psychologischer Sicht von spirituellen Krisen oder transpersonalen Erfahrungen. Doch ist Schamanismus besonders geeignet, solche Erfahrungen als Initiationserlebnis von der üblichen Pathologisierung zu befreien und als spontane Öffnung für die Ganzheit des Universums zu verstehen. Dies ist die Blickrichtung des Meta-Schamanismus.

«Meta» ist eine griechische Vorsilbe und heisst unter anderem «nach», «später». Hier ist ein Zugang zum Schamanismus gemeint, der die irreversiblen Bewusstseins-Mutationen anerkennt, die uns auf immer vom Bewusstsein der Traumzeit trennen. Innerer Dialog, Imagination, egozentriertes Selbstbewusstsein in einer perspektivischen Raum-Zeitwelt, die Psychologisierung unseres ganzen Daseins sind für uns heute selbstverständlich. Doch funktionierte das Bewusstsein der alten Schamanen auch auf die heutige Weise? – Kaum: Wenn der Schamane sein Lied sang, war er und sein Lied eins: ein Ereignis der Kraft. Wir handeln und beobachten uns selbst immer von aussen, wir sind exzentrische Wesen mit einem kritischreflexiven Bewusstsein, wir deuten unser Sein und geben den Dingen Bedeutungen betrachten sie als Symbole und lesen daraus Botschaften ab.

So drängt es uns, die Erlebnisse auf der schamanischen Reise zu deuten, Botschaften über uns, unser Leben und unsere Umwelt herauszufiltern. Doch eigentlich sind unsere Reisen in die Nichtalltägliche Wirklichkeit Begegnungen mit der Kraft, die vor allem als Kraft heilsam wirken und nicht durch die nachträglich zugefügten Bedeutungen.

Ich habe zwei Wege gefunden, der zergliedernden und distanzierenden Macht meines Bewusstseins zu entrinnen. Ich kann denkend mein Denken selbst überwinden. Ich kann mich der Unmittelbarkeit der Kraft aussetzen.

Mit den Händen gestalten und im Spielen uns selbst gestalten, wie dies Esther Degen in ihrem Seminar «Masken der Kraft» anbietet, sind zwei unserer ureigenen Weisen, sich der Unmittelbarkeit der Kraft hinzugeben und mit ihr zu tanzen.

Unsere Seele ist eigentlich unsere unmittelbare Verbindung zur Kraft des Universums. In ihr leuchtet jene Kraft der Erde, die in ihrer Tiefe den Samen und in der Gebärmutter das Kind keimen lässt. Jene Kraft leuchtet zeitlebens als unsere Seelenglut. Wenn wir von der Keimkraft der Erde abgeschnitten sind, erstickt die Seelenglut. Seelische Leiden sind aus schamanischer Sicht die abgebrochene Suche nach Lebenskraft. Im Seminar «Seelische Leiden – Schamanische Heilung» lernen wir mit schamanischen Methoden, diese Reise zu den Quellen der Lebenskraft fortzusetzen und sie als Initiation zu erleben.

Der Besuch eines Basisseminars in Schamanismus ist Voraussetzung für die Teilnahme an einem Meta-Schamanismus-Seminar, ausser beim Seminar «Einführung in die schamanische Naturerfahrung».