Arten des Schamanismus


von Carlo Zumstein

Ethno-Schamanismus

Viele Wege führen zum Schamanismus. Die Einen suchen sich einen Schamanen bei den Indianern, in Afrika oder Sibirien. Andere besuchen einen «workshop» eines angereisten Angehörigen eines nativen Volkes. Westliche Lehrer bieten Seminare und mehrjährige Ausbildungen in tradtitionellem Schamanismus an, oft angereichert mit anderen spirituellen und psychologischen Lehren. Eine Vielzahl von Büchern führt schamanische Autodidakten in die Geheimnisse der alten Schamanen ein.

Diese Wege der Aneignung des Wissens der Schamanen sind eng verknüpft mit der Tradition und Kultur ihres Herkunftsvolkes. Dafür schlage ich den Begriff Ethno-Schamanismus vor.

Der amerikanische Anthropologe Prof. Michael Harner hat zu Beginn der 1980er Jahre einen kulturunabhängigen Weg zur praktischen Erfahrung des schamanischen Wissens geschaffen. In seinem Buch «Der Weg des Schamanen» beschreibt Harner, wie ihn das Leben bei den Jivaro- und Conibo-Indianern im Amazonasgebiet und das Studium vieler schamanischer Kulturen zur Entdeckung des Core-Schamanismus geführt hat. Er hat aus anthropologischer Sicht den universalen Wesenskern der schamanischen Praktiken herausgearbeitet.

Core-Schamanismus

Der Kern des Schamanismus ist die Reise in die Nichtalltägliche Wirklichkeit. Voraussetzung dafür ist die Vorstellung eines Reiseweges und die schamanische Trance, induziert durch Trommeln oder andere monotone Klänge. Der Weg vonder Alltagswirklichkeit in die Nichtalltägliche Wirklichkeit (NAW) führt durch eine Schwellenzone, zum Beispiel durch einen Tunnel oder durch die lichte Sphäre zwischen Himmel und Erde in die «Untere Welt».

Dort findet der/die moderne schamanische Praktiker/in nach dem Vorbild der alten Schamanen Kontakt zu Krafttieren und spirituellen Lehrern. Wie schon seit Jahrtausende vermitteln diese das Wissen und die Heilkraft, um im Alltag für sich selbst, andere und die Welt heilsam zu wirken.

Harners Reisetechnik hilft, unsere ureigene spirituelle Begabung und Kraft wiederzuentdecken und zu praktizieren. Wir brauchen uns nicht die Rituale nativer Traditionen anzueignen, um den Schamanen in uns zu erwecken. Er schläft in unserer Seele. Die spirituellen Kräfte und Fähigkeiten gehören zum Mensch-Sein.

Die vier Bewusstseins-Phänomene

Aus meiner Sicht basiert die schamanische Reise auf denselben Phänomenen wie unsere spontane Bewußtseinsreise, in die wir zum Beispiel beim Tagträumen aber auch bei Grenzerfahrungen eintauchen:
· Veränderung des Bewussseinszustandes
· Überschreiten einer Schwellenzone
· Aufgehobensein in der Alleinheit des Universums.

Die Absicht

Der Schamane taucht aber nicht unwillkürlich ab, versinkt nicht einfach in der Alleinheit. Er geht auf seine Bewusstseinsreise beseelt von der Absicht, spirituelles Wissen und Heilkraft zu finden. Darum begegnet ihm das Universum verdichtet auf die Nichtalltägliche Wirklichkeit mit den wesenhaften Kräften der Tier- oder Ahnengeister. Bei ihnen findet er die gesuchte Kraft und das Wissen zum Heilen.

Die schamanische Reise basiert auf den vier Bewusstseins-Phänomenen und der leitenden Absicht; dazu gehört auch die Rückkehr in die Alltagswirklichkeit.

Meta-Schamanismus

Der uns nächste Weg zum Schamanismus ist das Training der Bewusstseins-Phänomene und der Absicht. Ich nenne diesen Weg Meta-Schamanismus. Die Absicht erfahren wir immer wieder in jener unerschütterlichen Motivation, die uns mit jeder Faser unseres Wesens auf ein Ziel hin streben lässt.

Die vier Bewusstseins-Phänomene sind allen Menschen angeboren und prägen viele spontane Alltagserfahrungen. Tanzen, Bewegen, Singen, Lachen, Weinen aber auch kreatives Gestalten nehmen uns immer total in Anspruch, führen über uns hinaus in die Einheit des Augenblicks und des Universums. Sie können Ausgangspunkt schamanischer Erfahrung sein. Dies konnten die TeilnehmerInnen am Oberton-Seminar 1998 erfahren. Wir haben uns in den schamanischen Bewusstseinszustand gesungen, unsere Töne trugen uns zu unseren Verbündeten und mit unserer Stimme überbrachten wir den Partnern die Heilkraft.

In ekstatischen Erlebnissen treten die Bewusstseins-Phänomene besonders deutlich auf. Wir müssen aber erst wieder lernen, ausser sich zu sein vor Begeisterung, Freude und wir müssen wieder lernen, die Ekstase zu «meistern» (Mircea Eliade beschreibt den Schamanen als «Meister der Ekstase»). Es wird eine Aufgabe des Meta-Schamanismus sein, unsere Rituale der Ekstase wieder zu beleben.

Träumen

Das Träumen ist eine weitere eindrückliche Manifestation der Bewusstseins-Phänomene. Beim Einschlafen verändern wir unseren Bewusstseinszustand. Ich-Bewusstsein und Alltagswirklichkeit lösen sich auf, über die Schwelle des traumlosen Schlafes erreichen wir die Traumwirklichkeit. Wir erkennen Träumen nicht als Bewusstseinsreise, weil uns die Psychologie überzeugt hat, dass unsere Traumbilder aus dem Unbewussten aufsteigen. So suchen wir sie nur nach deren Bedeutung für unser waches Alltagsleben ab.

Träumen kann zur schamanischen Reise werden, wenn wir lernen, eine feste Traumwirklichkeit und die Begegnung mit unseren Vebündeten zu beabsichtigen. Dies ist das Thema des Seminar-Zyklus Traumpfade.

Grenzerfahrung, Initiation

Auch extreme Lebenserfahrungen sprengen unsere gewohnten Grenzen. Der Tod eines geliebten Menschen, ein Unfall, eine Krankheit sind Grenzerfahrungen, die zur Ich-Erweiterung und Erfahrung anderer Erlebnisräume führen können. In diesem Sinne sind sie schamanische Erfahrungen, Initiationen in eine erweiterte Sicht der Welt und ein vertieftes Verständnis des Lebens, oft verbunden mit dem Geschenk heilerischer Fähigkeiten.

Meta-Schamanismus hilft uns, menschliche Grenzerfahrungen neu zu verstehen, die bisher ausschliesslich als psychische Krankheiten etikettiert wurden. Depressionen sind gekennzeichnet vom Rückzug aus der überforderten Alltagswirklichkeit. Rückzug wohin? Auf ihrer Suche nach Lebenskraft bleiben depressive Menschen in der Schwellenzone zwischen den Wirklichkeiten, im dunklen Tunnel stecken. Dringend brauchen sie einen sicheren Weg in die Nichtalltägliche Wirklichkeit, wo sie sich bei Verbündeten die Kraft zum Bestehen der Alltagswirklichkeiten holen können.

Meta-Schamanismus hilft auch, uns mit der Angst zu versöhnen. Sie ist die Verbündete der Schwellenzone. Ihre Kraft ist nur dann bedrohlich, wenn wir taub sind für ihre Sorge um unseren Schutz; so wie auch Hunger und Durst zu Gespenstern werden, wenn wir ihre Aufforderung zur Nahrungssuche ignorieren.

Auf dem Weg zu einem zeitgemässen Schamanismus-Verständnis

Schamanismus kann nicht stehen bleiben bei der Wiederbelebung archaischer Heiltraditionen. Wir können weder die Bewusstseins-Entwicklung noch die Zivilisation ignorieren. Neue Wurzeln finden wir nicht durch Regression auf ein archaisches Niveau, sondern in der Unmittelbarkeit unseres Seins. Meta-Schamanismus hilft uns das ethno- und anthropologische Verständnis von Schamanismus weiter zu entwickeln.

Aus heutiger Sicht bezeichnet Schamanismus die Methode der zeitweiligen absichtlichen Bewusstseins-Veränderung und den Übergang in einen Erlebnisraum der Einheit mit der Welt und der spirituellen Kraft. Sie ist jene nicht an Materialität gebundene, das ganze Universum durchdringende und einigende, darum heilende Kraft.

Core-Schamanismus schlägt eine Brücke von den archaischen Heiltraditionen des traditionellen Schamanismus zur zeitgemässen Anwendung der universellen schamanischen Methode mit dem Ziel spiritueller Selbsterfahrung und Heilung.

Meta-Schamanismus will ausserdem das schamanische Potential menschlicher Alltagserfahrungen ergründen und entwickeln. Er soll auch auf einen von der Psychologie unabhängigen Zugang zu den Phänomenen des Bewusstseins hinweisen. Die Psychologie versteht den Menschen in seiner innerseelischen, sozialen, ethischen und moralischen Bedingtheit. Sie strebt die Integration alles Erlebens, auch des unbewussten in die Einheit eines individuellen Selbst an (Selbstverwirklichung). Schamanismus kann dem in sich vereinsamten und entwurzelten Mensch Wege weisen, sein ursprüngliches Aufgehobensein im Ganzen des Universums wieder anzunehmen. Beide Sichtweisen sind nötig und – konsequent angewendet – hilfreich.