Seelenrückholung


Der schamanische Weg zur inneren Ganzheit
Vortrag von Carlo Zumstein, 2003

Wenn ich hier über Seelenrückholung und einen schamanischen Weg zur inneren Ganzheit spreche, geht es mir so wie dem Rabbi Mosche Löb von Sasow, nur dass ich nicht einmal Rabbi bin und auch kein Schamane.
Das einzige was mich auszeichnet ist, dass ich Schweizer bin. Aber Sie wissen, wir Schweizer verstehen nichts von der transpersonalen Welt. Wir haben es noch nicht geschafft, ins grosse Ganze (der EU) einzugehen. Wir wissen nur, was es heisst, ein Alpentransitland zu sein.

Martin Buber (1) erzählt folgende Geschichte:
«Als der heilige Baalschemtow einst das Leben eines todkranken Knaben, dem er zugetan war, retten wollte, hiess er ein reines Wachslicht giessen, nahm es mit in den Wald, heftete es an einen Baum und entzündete es. Dann sprach er einen langen Spruch, Das Licht brannte die ganze Nacht. Am Morgen war der Knabe genesen.
Als mein Ahn, der grosse Maggid, der Schüler des heiligen Baalschemtow, eine ebensolche Heilung bewirken wollte, wusste der die geheime Spannung des Spruches nicht. Er tat, was sein Meister getan hatte, und rief dessen Namen an. Das Werk geriet.
Als der Rabbi Mosche Löw von Sasow, der Schülerschüler des grossen Maggid, eine ebensolche Heilung bewirken wollte, sprach er: «Wir haben nicht mehr die Kraft, es auch nur zu tun. Aber erzählen will ich die Begebenheit, und Gott wird helfen.» Und das Werk geriet.»

Wie dem Rabbi Mosche Löw geht es uns, wenn wir heute heilen wollen, wie es die Schamanen bei den Indigenen Völkern getan haben. Schamanen und Schamaninnen sind die ältesten Seelenforscher, Experten in der Anwendung von Bewusstseinsveränderung als Weg zum spirituellen Heilen.
Was der heilige Baalschemtow beim todkranken Knaben gemacht hat, war wahrscheinlich eine Seelenrückholung. Er hat mit dem seltsamen Ritual im Wald die Seele des Knaben wieder in den sterbenden Leib zurück gerufen, und der Knabe ist genesen.

Seelenrückholung ist auch mein Thema. Ich will davon erzählen, in der Form wie Sandra Ingerman, die amerikanische Psychologin, Schamanin und schamanische Lehrerin sie uns vermittelt hat, nachdem sie während einer Heilsitzung von ihren spirituellen Verbündeten in das Ritual der Seelenrückholung eingeweiht worden war.
Ich habe Sandra 1993 in Esalen in Kalifornien kennen gelernt. 1994 hat sie ihr Buch «Soul Retrieval» (2) veröffentlicht, das inzwischen zu einem der meist gekauften schamanischen Bücher geworden ist. Es sind nun 10 Jahre, die wir eng zusammen arbeiten.

Ich wende das Ritual der Seelenrückholung seit sieben Jahren in meiner therapeutischen Praxis mehrmals täglich an. Obwohl weit von seinem Ursprung entfernt, können auch wir immer wieder sagen: «Und das Werk geriet.»
Davon will ich erzählen. Doch glauben sie mir nichts, denn ich glaube mir auch nichts. Je länger ich mich auf den Pfaden der Schamanen voran taste, je mehr staune ich über mein Unwissen, das ich hinter Worten verberge.

John O Donohue (3), ein heutiger Bote keltischer Weisheit, sagt dies so:
· Durch die Öffnung des Mundes entlassen wir Laute aus dem Berg, der unter unserer Seele ruht. Diese Laute sind Wörter.
· Die Welt ist voller Wörter. Unentwegt sprechen Unzahlen von ihnen auf uns ein …
· Der Klang von Wörtern hält uns das, was wir die Welt nennen, zur Verfügung. … Doch die Äusserung des Wortes offenbart, dass jeder von uns unermüdlich etwas erschafft. Jeder einzelne Mensch bringt Laute aus der Stille hervor und lockt das Unsichtbare in die Sichtbarkeit, das Unhörbare in die Hörbarkeit.
· Wir sind von Geheimnissen umgeben. Hinter unserer Erscheinung, unter unseren Worten, über unseren Gedanken, jenseits unseres Denkens wartet das Schweigen einer anderen Welt …

Über Schamanismus kann man eigentlich nicht reden. Man kann die Kraft seiner Rituale nur erleben. Darum lade ich sie ein, erlebend meinen Worten zu folgen, und sollten sie dabei müde werden, kämpfen sie nicht dagegen an, gehen sie träumend auf die Reise. Irgendwo warten auch auf sie verlorene Seelenteile, die heimkehren wollen.

Und wenn sie den Saal verlassen müssen, weil etwas sie drängt, nicht mehr weiter zu hören, dann gehen sie, bis die Zeit gekommen ist, bis sie den Raum gefunden haben zu hören.

Ich will von Wirklichkeit sprechen, die hinter, über, unter, vor allem aber vor den Worten immer schon war und noch immer überall ist. Es ist jene verborgene und doch überall anwesende Wirklichkeit der Stille, Unsichtbarkeit jenseits von Raum und Zeit. In Ermangelung eines besseren Wortes, oder aus Ehrfurcht vor ihrer Unermesslichkeit nennen wir sie seit Carlos Castaneda die «Nichtalltägliche Wirklichkeit».
Dorthin zieht sich aus schamanischer Sicht die Seele zurück, wenn sie in der Alltagswirklichkeit unserer Lebenswelt bedroht ist. Dorthin reist der Schamane auf seiner magischen Reise und findet die Seele mit Hilfe seiner spirituellen Verbündeten, seiner Krafttiere oder Ahnen-Lehrer, bringt sie zurück und haucht sie dem leidenden Menschen wieder ein.

Menschen mit Seelenverlust

Wer sind die leidenden Menschen, für die ich auf der Suche nach ihrer Seele die Reise in die Nichtalltägliche Wirklichkeit unternommen habe? Lassen sie mich aus der Vielzahl drei Menschen auswählen. Und gleich anmerken, dass aus den Symptomen nicht auf Seelenverlust als deren Ursache geschlossen werden kann.
· Ein 35-jähriger Mann kommt, weil er an Panikattacken leidet, nachdem er zum Personalchef eines Grossunternehmens befördert worden ist. Selbstzweifel, Versagensängste plagen ihn, soweit er sich zurück erinnern kann. Er glaubt, seiner Frau weder als Mann, noch seinen drei Kindern als Vater genügen zu können. Er bleibt überall hinter seinen Ansprüchen zurück. Oft mag er sich am Morgen kaum aus dem Bett kriegen. Gedanken, davon zu laufen, quälen ihn. Er hat sich früher einmal für ein paar Tage abgesetzt, was er sich nie verzeihen kann. All dies verstärkt sich in seiner neuen Position. Durch die Panikattacken wird sein Leben schier unerträglich. Als Personalchef hat er natürlich eine ausgiebige Psychologieausbildung, misstraut aber seinem Metier und will eher schamanisch daran arbeiten.
· Ein 23jähriger Student an einer Technischen Hochschule kommt auf Empfehlung seines Psychiaters. Der junge Mann ist vor kurzem von Zuhause ausgezogen. Seither hört er Stimmen. Er wähnt, es sei die Stimme seiner Mutter, die ihn zwingen wolle, wieder heim zu kommen. Psychopharmaka drängen die Stimmen in den Hintergrund, sodass er den Vorlesungen folgen kann. Aber sie sind noch da und melden sich in der Freizeit oft noch heftiger.
· Eine Frau anfangs dreissig, die sich nach einer schweren Drogenkarriere aufgefangen und zur Reiki-Meisterin ausgebildet hat, will eine Seelenrückholung. Sie leidet an einer chronischen Hepatitis A. Sie hat oft depressive Durchbrüche. Ich kann sie nicht bremsen, von ihrer Lebensgeschichte zu erzählen. Sie wurde von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben, kennt auch den Vater nicht. Sie ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, die sie als lieb und fürsorglich erlebte. Trotzdem gleitet sie in die Drogen ab, wird oft missbraucht.

Symptome für Seelenverlust
· Depressionen: meine eigene Erfahrung
· Chronischer Energiemangel, Morgentief
· Ängste
· Krankheitsanfälligkeiten, Abwehrschwäche
· Vegetative Beschwerden
· Allergien

Einführung in die schamanische Kosmologie

Bevor wir nun gemeinsam auf die Reise gehen, um meine Geister in der Nichtalltäglichen Wirklichkeit zu fragen, was diese drei Menschen für ihre Heilung brauchen, will ich sie kurz mit dem schamanischen Weltbild bekannt machen.

Meister Eckhart sagte:
«Wenn die Seele etwas erfahren möchte,
wirft sie ein Bild hinaus und tritt dann hinein.»

Das erste Bild, das die Seele hinaus wirft, ist der Körper, in den sie hinein tritt.

So hat es wohl auch Aristoteles gesehen, wenn er sagt:
«Der Körper ist die erste Wirklichkeit, Verwirklichung der Seele.»
Seele wird im Körper wirklich. Und damit die Seele sich im oder als Körper verwirklichen kann, braucht sie eine Wirklichkeit. Die Seele wirft ein Bild der Wirklichkeit hinaus und tritt da hinein.

Wir begegnen der Seele in der Welt um uns. Das ist die Metapher auf der die Schamanen und Schamaninnen ihre Wirklichkeit aufbauen. Sie finden ihre Seele eins mit der Wirklichkeit um sich herum.
Bei den Naturvölkern, deren Heiler, Weiser, Lehrer der Schamane war, ist diese Wirklichkeit die Natur. Natur und Seele sind eins. Der Mensch findet seine Seele in der Natur, zu der er auch gehört. Er ist Teil dieser Natur. Seine Seele ist verbunden mit der Seele des Baumes, des Berges, des Flusses, des Adlers.

Erlauben Sie mir, Sie etwas von der schamanischen Naturverbundenheit erahnen zu lassen mit einem Gedicht von Ute Latendorf:
«Von der Sonne lernen zu wärmen,
Von den Wolken lernen, leicht zu schweben,
Vom Wind lernen, Anstösse zu geben,
Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen,
Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein.
Von den Blumen das Leuchten lernen,
Von den Steinen das Bleiben lernen,
Von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen,
Von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen,
Vom Sturm die Leidenschaft lernen.
Vom Regen lernen, sich zu verströmen,
Von der Erde lernen, mütterlich zu sein,
Vom Mond lernen, sich zu verändern,
Von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein,
Von den Jahreszeiten lernen, dass das Leben
Immer von Neuem beginnt…»

Die Seele ist nicht nur eins mit der Natur, sie ist auch eins mit dem Kosmos, dem Universum, letztlich mit dem grossen Ganzen, das wir immer nur erahnen können, mit dem uns zeitlebens eine grosse Sehnsucht verbindet.
Eine Verbundenheit bis hin zur Einheit mit dem grossen Ganzen ist ein Kennzeichen des Schamanismus. Für den Schamanen sind wir verwandt mit allen Lebewesen, ja wir sind auf derselben Stufe mit ihnen. Die Bäume in diesem Park, die Vögel in den Ästen, der Teich dort draussen, die Fische im Teich, sie alle sind durchströmt von der derselben universellen Lebenskraft und sie sind alle beseelt.

Dieses Einssein hebt alle Trennungen auf, die für uns heute so kennzeichnend sind.
· Die Trennung zwischen einer belebten und unbelebten Wirklichkeit.
Im Schamanismus ist sie noch nicht vorgenommen worden.
· Die Trennung zwischen beseelt und unbeseelt,
· zwischen Mensch, Tier und Pflanze,
· zwischen Mensch und Gott.
Der Mensch ist Teil des Ganzen und das Ganze selbst.
· Trennung zwischen Erleben und Verstehen, zwischen Absicht und Handlung, zwischen Wort und Tat.
Darum ist Schamanismus eine Erlebniswissenschaft. Schamanismus ist erlebtes Wissen.
· Es fehlt die Trennung zwischen Wachsein und Träumen.

Konsequenzen der schamanischen Einheits-Kosmologie für die Seelenvorstellung

Die sieben Kreise der Seele

In heutiger Sprache gesagt, verwirklicht, entfaltet sich die Seele in sieben Kreisen ins Dasein. Sie wird gleichsam sieben Mal geboren.
1 · Die erste Geburt ist jene als Körperwesen.
2 · Die zweite ist die mythische Geburt «aus dem Herzen von Mutter und Kind»: Das Kind wird zur eigenen Persönlichkeit und zum liebenden Beziehungswesen in der Gemeinschaft.
3 · Die Seele verwirklicht sich auch im Handeln, im Spiel, in der Kreativität, der Arbeit. Jeder Mensch gestaltet sich seine eigene Lebenswelt.
4 · Die Seele wird in die Zeit hinein geboren, die historische Zeit, – zum Beispiel die Nachkriegszeit oder die Postmoderne – und die Zeit als unumkehrbare Abfolge der Lebensereignisse. Die Lebensgeschichte wird zur Seelengeschichte.

Diese vier Seelenkreise definieren heute unser Ich, unsere alltägliche Persönlichkeit: Körperlichkeit, Beziehungen, Lebensgeschichte und Tätigkeit. So sehen auch Psychologie und Medizin den Menschen.

Aus schamanischer Sicht bindet sich die Seele in drei weiteren Kreisen ins Leben:
5 · Wir übernehmen Traditionen, Herausforderungen, ja Leiden unserer Ahnen. Sie leben in unserer Seele weiter. Durch uns und in uns wirkt auch die sogenannte Volksseele.
6 · Wir sind immer auch in der Natur verwurzelt. Ein «Bergler» hat ein anderes «Naturell» als ein «Kind des Meeres». Darüber hinaus haben wir Teil an der «Weltenseele».
7 · Wir werden in einen Mythos hinein geboren.
Heute allerdings scheint es, dass der abendländische Mythos die Seele verloren hat.
Menschen brauchen Mythen. Sie sollen uns die Grundfragen des Lebens beantworten: Wer bin ich? Wozu bin ich da? Wozu wurde die Welt geschaffen und von wem? Seit erwachen des Bewusstseins brauchen wir Mythen, die unserem eigenen Dasein und der Welt Sinn und Bedeutung verleihen.

Konsequenterweise ergeben sich aus der siebenfachen Geburt ins Dasein sieben Formen des Seelenverlustes. Und wir sterben siebenmal. Diese Ansicht finden wir in vielen schamanischen Traditionen. Die Seele verlässt den Körper nicht zur selben Zeit, wie sie aus der Gemeinschaft oder der Natur wegstirbt, in der sie verwurzelt gewesen ist.

Unausgesprochen kennen auch wir verschiedene Arten des Sterbens. Zum Beispiel wenn Menschen pensioniert werden, wenn sie keine Wirklichkeit mehr haben, in der sie sich verwirklichen können, wo sie gebraucht werden, wo sie sich wertvoll fühlen können. Wenn ein langjähriger Lebenspartner stirbt, stirbt auch ein «Teil» des Hinterbliebenen.

Die ewige Seele – die teilbare Seele

Wenn wir hier im Sinne von Sandra Ingerman von Seelenrückholung sprechen, dann beschränken wir uns zunächst auf die biografische Seele: Jene Seele, die irgendwann zu Beginn des körperlichen Daseins zu uns kommt, als unser Innerstes, als ureigener, unverwechselbarer Kern unseres Wesens, der uns das ganze Leben begleitet. Der persönliche Kern, der durch dieses Leben entwickelt, geformt, aber auch verformt und auch zerteilt, zersplittert werden kann.

Dass wir die anderen Seelenaspekte auch berücksichtigen müssen, hat sich erst im Laufe zunehmender Erfahrung mit der traditionellen Seelenrückholung ergeben. Insbesondere ist im schamanischen Verständnis die Seele ja immer auch das Ewige, Vollkommene, wir könnten sagen: das Göttliche in uns. Als das einmalige kommt die Seele in die Welt. Ins Ewige hinein verlässt sie die Welt.
Oder einfacher ausgedrückt: Die Seele ist unser Geist-Sein. Und aufgrund ihrer Geistnatur ahnt die Seele drohendes Unglück und bringt sich davor in Sicherheit. Sandra Ingerman spricht von einem Schutzreflex der Seele.
Die Seele spaltet «Teile» von sich ab, die sich in die Nichtalltägliche Wirklichkeit, in die Sphäre der ewigen Seele zurückziehen. Jedes Trauma ist ein kleiner Tod. Die Seele sucht Schutz in der Ewigkeit.

Tatsächlich scheinen wir viel öfter Seelenteile abzuspalten, als wir realisieren, weil diese immer wieder zurück kommen. Manche Menschen, die von der schamanischen Seelenrückholung hören, erzählen, dass während des nächtlichen Träumens ein jüngeres Selbst als strahlende Lichtfigur zu ihnen gekommen und mit ihnen verschmolzen sei.
Warum andere Seelenteile nicht zurück kehren und die Menschen oft jahrelang an Vitalitätsmangel und dessen vielfältigen Folgen leiden, wissen wir nicht.
Wir wissen aber, dass die Seelenabspaltung trotz dieser Folgen ein Schutz- und Selbstheilungsversuch der Seele ist. Denn die abgespaltene Seelenkraft ist immer unversehrte Kraft. Sie hat sich vor dem Trauma in die Sicherheit der Nichtalltäglichen Wirklichkeit gebracht.
Sie kennen diesen Schutzversuch bei Kindern, die in traumatisierenden Familienverhältnissen leben müssen. Weil sie existenziell noch auf die elterliche Fürsorge angewiesen sind, fliehen sie in eine eigene «Traumwelt». Sie ziehen sich in jene verborgene magisch-mythische Welt zurück, mit der uns zeitlebens eine tiefe Sehnsucht verbindet und in der ein sanfter Duft, ein leiser Klang, ein farbiges Leuchten immer auch anwesend ist.

Auslöser für Seelenverlust
· seelischer und körperlicher Missbrauch
· Ablehnung, Zurückweisung, Kränkung, Verstossenwerden, Erniedrigung
· Trennungen durch Beziehungsauflösung, Tod
· «Seelendiebstahl»: wenn bei einer Trennung, die Seele nicht zurückgegeben wird.
· Seelenverstrickung, Seelenvermischung
· Migrationserlebnisse
· Schwere Krankheiten, Unfälle, Nahtoderlebnisse

Das eine oder andere Erlebnis wird auch Sie betreffen.

Bevor wir für unsere drei Klienten auf Reise zur Seelensuche gehen, will ich kurz über die Schamanische Reise sprechen.

Die schamanische Reise zur Seelensuche

Wir gehen davon aus, ein Schamane, eine Schamanin oder ein schamanisch Tätiger gehen für einen Klienten auf die Reise.
Bei der schamanischen Reise tritt der Unterschied zwischen Schamanismus und den meisten psychologischen Modellen am deutlichsten zu Tage – wenn wir bereit sind, hin zu sehen.

Um die schamanische Reise in die Nichtalltägliche Wirklichkeit zu verstehen – das Kernritual aller schamanischen Traditionen – müssen wir uns nochmals an Meister Eckharts Ausspruch erinnern:
«Wenn die Seele etwas erfahren möchte,
wirft sie ein Bild hinaus und tritt dann hinein.»

Ein Seelenbild hinaus werfen, ist das nicht unsere psychologische und alltagspsychologische Art, unsere Innenwelt kennen zu lernen, jenen Erlebnisbereich, den wir das Unbewusste oder auch das Unterbewusstsein nennen?

In der schamanischen Kosmologie aber hat die Trennung zwischen einer persönlichen Innenwelt und der allgemeinen Aussenwelt noch nicht stattgefunden.
Die Schamanen und Schamaninnen finden jene Aspekte der Seele, die wir heute in der Tiefe unseres Unbewussten erahnen und durch projektiv-psychologische Methoden hervorlocken, oder durch die Interpretation des Verhaltens zu erschliessen versuchen, in der Aussenwelt – ähnlich wie wir dies beim Träumen als Träumende erleben.
Darum unternimmt der Schamane eine Reise, wenn er Kontakt zu jener anderen Welt aufnehmen will: der Welt der unsichtbaren Kräfte, der Geister, der Ahnen, der Seelen.
Die schamanische Reise ist keine innere Reise, obwohl die Art wie sie heute praktiziert wird, diesen Trugschluss zulässt.

Träumen als Urform der schamanischen Reise

Für die Schamanen gibt es da keine Zweifel: Die Traumwirklichkeiten sind genauso real wie Aussenwelten, wie die wache Alltagswirklichkeit. Aus schamanischer Sicht überlässt der Träumende den schlafenden Körper der Obhut der Natur. Seine Seele reist in jene verborgenen, lautlosen, unsichtbaren Sphären der universellen Lebenskraft. Hier verwirklicht sie sich, indem sie Lichtwirklichkeiten erträumt. Oder indem sie als Licht geträumt wird.

Träume, als Träumer erlebt, haben dieselben Charakteristiken wie Licht: sie füllen alles aus, sie sind unmittelbar, total, unbegrenzt. Nur aus dem Standpunkt des Wachens sehen wir einen schlafenden Körper im Bett liegen und ziehen den einzig möglichen (Trug-)Schluss: Träumen ist ein inneres Erleben.

Als Träumer, Träumerin erleben wir die Welt so wie sie die Schamanen auf ihrer Reise erleben. Träumend sind wir eins mit der Welt, die wir erträumen, sie ist die einzige Wirklichkeit. Träumend bin ich Schöpfer meiner Welt. Aus der Sicht unseres christlichen Schöpfungsmythos geschieht Träumen am Tag eins der Schöpfung.

An dieser Stelle möchte ich sie gerne hinweisen auf mein Buch «Der schamanische Weg des Träumens» über diese Sicht des Träumens, des Träumens als Seelenreise, als Schöpfung meiner eigenen Wirklichkeit, mit allen Konsequenzen für die Traumarbeit, für die Wiederentdeckung der spirituellen Autonomie.

Warum spreche ich übers Träumen? Weil wir alle – träumend – Schamanen und Schamaninnen sind: Wir schlafen heute noch genau so archaisch wie die Menschen der Vorzeit, obwohl wir uns zwischen farbige Bettlacken legen. Wir schnarchen und stinken noch immer wie ehedem.

Es ist eine wunderbare Leistung von Sigmund Freud, die magische Aussenwelt, die ganz in den Händen der Religionen war, diesen zu entreissen und ins Innere des Menschen zu verlegen und ihm so ansatzweise die spirituelle Autonomie anzubieten, – um sie ihm gleich wieder wegzunehmen und die Verbindung zu ihr durch Instanzen wie die Traumzensur, Mechanismen wie die Verschiebung, Entstellung des erträumten Erlebens wieder zu verbauen und das Ganze dann Königsweg zum Unbewussten zu nennen.

Die wichtige Botschaft ist: die Seele geht auf Reisen in andere Wirklichkeiten. Diese Seelenreisen basieren auf einer Bewusstseinsveränderung, die unsere Identifizierung mit unserem körperlichen Dasein aufweicht, temporär auflöst. Schlafen ist eine Bewusstseinsveränderung, wohl die tiefgreifendste, die wir als solche noch nicht verstanden haben.

Noch etwas lernen wir aus der Einsicht, dass Träumen die Urform der schamanischen Reise ist: Träumen ereignet sich in einer magisch – mythischen Erlebnisform. Aus psychologischer Sicht meinen wir dann, Freud folgend, wir müssen die Träume als Erinnerungsspuren des nächtlichen Innenlebens deuten, wir müssten sie in die Bedeutungsraster des Wachdenkens einordnen.

Schamanismus als Begegnung mit der Kraft

Aus schamanischer Sicht kann sich im magisch-mythischen Erleben die unsichtbare Kraft am unmittelbarsten zeigen. Dieses Erlebnis der Kraft ist das Zentrale am Schamanismus, jener universellen, alles belebenden und beseelenden Kraft. Darum definiere ich Schamanismus als Begegnung mit der Kraft.
In Märchen, Mythen, aber auch im Singen, Tanzen, Theaterspielen, im kreativen Gestalten erleben wir diese Kraft unmittelbar. Hier im unmittelbaren Erlebnis der universellen Kraft, im Einswerden mit dieser, berühren sich unsere (christliche) Mystik und Schamanismus.
Theresa von Avila hat die «unio mystica» so ausgedrückt:
«Gott spricht:
O Seele, suche dich in Mir
Und Seele, suche Mich in dir»

Die Schamanen suchen dieses Einheitserlebnis nicht in der Abgeschiedenheit der inneren Weltferne. Sie reisen in die Welt hinaus, überwinden Gefahren, setzen sich archaischen Kräften aus, durchstossen unbekannte Sphären, immer ihrer Absicht folgend: die Seele des leidenden Menschen aufzuspüren. Diese agierende, theatralische Erlebnisform hat dem Schamanismus den Vorwurf des Primitiven eingebracht. Für mich liegt darin gerade sein Vorzug: die erlebte Kraft bringt sie zur Wirkung und wo die universelle Lebenskraft wirkt, kann Heilung geschehen.

Übrigens finden wir im Märchen von Frau Holle eine eindrückliche Lehrgeschichte der schamanischen Reise.
Die Stieftochter Marie fällt beim Waschen der Garnspulen in den Brunnenschacht. Nach einer Bewusstlosigkeit findet sie sich in einer anderen Welt, besteht drei Prüfungen: Apfelbaum schütteln, Brot aus dem Ofen nehmen, Decken schütteln und wird am Tor zur Alltagswirklichkeit mit der Initiation in Form ihres Goldkleides belohnt. So kehrt sie in die Alltagswirklichkeit zurück.
Die letzte Prüfung und die Initiation finden unter Anleitung eines Geistwesens statt. Zur schamanischen Reise gehört auch die Rückkehr in die Alltagswirklichkeit, wo ihre Kraft leider den Neid der Stiefschwester auslöst – mit den entsprechenden Folgen für jene.

Seelenrückholung für die drei Klienten

Wenn ich für Klienten auf die Reise in die andere Wirklichkeit gehe, – für Menschen, die mich für ein schamanisches Heilritual aufsuchen, – dann halte ich mich an jenes auch im Märchen enthaltene Grundmuster: unter monotonen Trommelklängen strebe ich durch einen dunklen Erdtunnel in die Tiefe. Sobald ich mich in einer lichtvollen Welt finde, rufe ich meine verbündeten Geistwesen. Ich stehe nicht herum, warte nicht untätig, was passieren könnte. Auf schamanischen Reisen führen mich meine Absicht (Heilkraft für einen Klienten finden) und meine spirituellen Verbündeten. Sie führen mich zu den verlorenen Seelenteilen des Klienten, oder zeigen mir ein anderes Heilritual.

Die Reise für den Personalchef

Angekommen in der Nichtalltäglichen Wirklichkeit, führten mich meine Verbündeten an einen unerwarteten Ort. Ich fand mich in einem Schweinestall vor einem grossen Futtertrog. Da lag ein Mann über den Rand dieses Futtertroges gebeugt, den Kopf im Futter.
Verwirrende Erfahrungen, wenn man bedenkt, dass ich für einen gebildet wirkenden Personalchef in der Nichtalltäglichen Wirklichkeit auf der Suche nach Seelenkraft bin. Wenn ich mich nicht wirklich hingeben kann an das, was mir die Geister zeigen, lasse ich mich durch rationale Bewertungen meiner Erlebnisse ablenken, glaube, mich in Einbildungen verloren zu haben. Die Bewusstseinserweiterung durch monotones, langweiliges Trommeln, so langweilig, dass mein gewohntes Denken aussetzt, öffnet mich für die Erfahrung des grossen Ganzen, respektive jenes Wissen, die mich zur heilenden Seelenkraft für meinen Klienten führt.
Die Geister haben mich in eine zweite Szenerie geführt: ich sehe einen etwa siebenjährigen Jungen auf den drei Treppenstufen die zur Haustüre eines alten Hauses führen. Am Rücken trägt er einen jener alten ledernen Schulsäcke. Im Türrahmen steht eine grosse Frau, die seine Mutter sein könnte.

Einer meiner Geister fordert mich auf, diesen Jungen anzusprechen, ihn einzuladen mit zu kommen, nicht mehr länger vor dieser Treppe zu stehen und auf seine Mutter hoch zu schauen, die ihn offenbar in Erschreckendes versetzt.

Angeführt von den Geistern reisen der Junge und ich tiefer und tiefer in die Nichtalltägliche Wirklichkeit. Bis wir plötzlich eine kleine Lichtgestalt antreffen, die dem Jungen verblüffend ähnlich ist. Wir nehmen dieses Lichtwesen mit uns. Sie ist die unversehrte, die heile Seelenkraft, die der Junge verloren hat, als er vor Schrecken starr vor der über ihn hoch ragenden Mutter stand.
Und wie es das Ritual der Seelenrückholung will, strecke ich – hier in der Alltagswirklichkeit – vor dem daliegenden Klienten kniend, meine Hände nach diesem lichtvollen Seelenwesen aus und blase es dem Personalchef in Herz und Scheitel ein.

In einer Hand halte ich immer einen kleinen Bergkristall, dessen nichtalltägliche Erscheinungsweise eine blaue Lichtwolke ist. In dieses blaue Licht hülle ich die gefundene Seelenkraft ein. Ich fange sie gleichsam in dem Kristall ein und übergebe nach dem Einblasen den Seelenfänger dem Klienten.
Das ist das Ritual der Seelenrückholung. Rituale sind nicht die Kraft. Sie bringen die Kraft zur Wirkung. Die Seelenrückholung ermöglicht dem vierzigjährigen Mann mit Seelenkraft in Kontakt zu kommen, die er als Siebenjähriger verloren hat.

Welche Wirkung zeitigt die wieder gefundene Seelenkraft? Nicht selten spüren die Menschen zunächst nichts. Der Personalchef liess einen tiefen Seufzer fahren und fühlte sich heiss und viel grösser. Er war von der Kraft überwältigt.

Zur Seelenrückholung gehört auch die Heilsgeschichte. Ich erzählte dem Klienten, unter welchen Umständen ich den verlorenen Seelenteil aufgefunden hatte. Die Heilsgeschichte ist vergleichbar mit einem Mythos, sie kann eine metaphorische Darstellung der Seelenkraft sein. Doch der Personalchef winkte ab. Sein Vater war Besitzer einer grossen Schweinemästerei. Tatsächlich hat die Mutter den Jungen, als er eines Mittags von der Schule nach Hause kam, mit der Nachricht überrascht, der Vater sei tot aufgefunden worden, so wie es die Geister mir auf der Reise gezeigt hatten. Er sagte: «Ich bin selbst zu Tode erschrocken. Sofort plagten mich Schuldgefühle. Seither ist mir immer so kalt. Seither ich fühle mich oft so, dass ich fliehen möchte.»

Wir können annehmen, dass der Junge angesichts der Schreckensnachricht einen Seelenverlust erlitten hatte. Mit der Seelenrückholung war aber die Behandlung nicht abgeschlossen. Wie integriert man neue Lebenskraft in seine Persönlichkeit, wenn man viele Jahre Strategien entwickelt hat, um Trauer, Angst, Überforderungsgefühle zu verbergen? – Da reicht ein einmaliger Energieschub nicht, seine Identität zu verändern. Da braucht es im eigentlichen Sinne psychotherapeutische Arbeit, um die Kraft zu integrieren, sie nicht einfach in noch mehr Panik auszuleben, noch mehr Überforderungsgefühle zu entwickeln, sich immer noch unerreichbarere Ziele zu stecken.

Gewinn von Lebenskraft und Identitätswandel sind zwei verschiedene Phänomene. Ersteres gewinnen wir durch den «Zauber» des schamanischen Rituals, letzteres geht aus der Integrationsarbeit hervor. Diese Arbeit haben wir verteilt auf mehrere Sitzungen getan.

Seelenrückholung für den Studenten

Auf der Reise für ihn begegnete ich wieder einer befremdenden Situation. Ich wurde Zeuge, wie ein kleines Mädchen von einem LKW überfahren wird. Die Geister haben mich angewiesen, der Seele des kleinen Mädchens zu helfen, in die Nichtalltägliche Wirklichkeit, ins Licht hinüber zu gehen.
Was hat diese Situation mit meinem Klienten zu tun? Als der heute dreiundzwanzigjährige Student zweijährig war, verunglückte seine sechs Jahre ältere Schwester tödlich. Sie war von einem LKW angefahren und tödlich verletzt worden. Ihre Seele konnte nicht ins Licht gehen. Sie hatte weder Zeit, ihren Tod zu realisieren, noch war ihr Leben vollendet. Ausserdem scheint sie sich ihrer noch lebenden Mutter zutiefst verpflichtet gefühlt zu haben. Als ihr nun erwachsener Bruder am Ende des Studiums auszog, meldete sich die noch in der Alltagswirklichkeit anwesende Seele der kleinen Schwester als Stimme. Und weil diese Stimme dauernd forderte, die Mutter zu unterstützen, wieder nach Hause zurück zu kehren, nahm der junge Mann an, die Mutter wolle ihn magisch bannen.

Meine Geister hiessen mich zunächst, seine eigene Seele zurück zu bringen, die sich angesichts des tragischen Verlusts der Schwester in die Nichtalltägliche Wirklichkeit abgesetzt hatte, damals als er zweijährig war. Die Seele der Schwester musste mehrmals ins Licht gebracht werden, weil der junge Student sie immer wieder rief. Er hatte sie zeitlebens zurück gewünscht, sich gewünscht, sie zu kennen, sie zu erleben, sie, die von Mutter und Vater all die Jahre zunehmend idealisiert worden war, deren Bild an zentraler Stelle im Wohnzimmer aufgestellt war.

Erst als er die Schwester loslassen konnte, sie für ihn zur spirituellen Verbündeten in der Nichtalltäglichen Wirklichkeit geworden war, verstummten die Stimmen und er fand Kontakt zu Frauen, was ihn besonders freute.

Seelenrückholung für die Reiki-Meisterin

Ihre Seele muss gewusst haben, dass sie in dieser Welt nicht willkommen ist. Die Mutter hatte sie ja nach der Geburt sofort zur Adoption freigegeben. Meine Geister führten mich in eine Sphäre von Seelenkraft, die nie in der Alltagswirklichkeit gewesen war. Daher war das Zurückbringen der Seelenkraft für die Klientin gleichsam eine Geburt, eine spirituelle Geburt.

Viele spannende Geschichten erleben wir, wenn wir Seelenrückholung tun dürfen. Es ist nicht ein Heilungszauber, aber die Menschen bekommen die Kraft, ihre Heilung zu vollbringen, wenn ihre ureigene Seelenkraft da ist.

«Möge Dein Weg Dir entgegenkommen
Die Sonne Dein Gesicht wärmen
Der Regen sanft auf Deine Felder fallen
Der Wind stets in Deinem Rücken sein»

Irischer Segenswunsch

Literaturverzeichnis
· Theresa von Avila, zit. Hoffmann Kaye payling Ekstasy. Südergellersen, Verlag Bruno Martin, 1991. S. 12.
(1) Buber, Martin: Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, zitiert wurde S. 543
(3) John O’Donohue: ANAM CARA. Das keltische Buch der Weisheit,. München, dtv, 2001, zitiert wurde S. 13f
· Ingerman, Sandra: Auf der Suche nach der verlorenen Seele. Der schamanische Weg zur inneren Ganzheit. München: Econ Ullstein List Verlag GmbH, 2002, 4. Auflage
(2) Ingerman, Sandra: Heimkehr der Seele. Schamanische Selbstheilung. München: Econ Ullstein List Verlag GmbH, 2002, 2.Auflage
· Schöning, Ferdinand: Aristoteles Über die Seele. Paderborn, 1961, 3.Auflage
· Zumstein, Carlo: Schamanismus. Begegnungen mit der Kraft. Kreuzlingen/München: Heinrich Hugendubel Verlag, 2001
· Zumstein Carlo: Der schamanische Weg des Träumens. München, Hugendubel (Aristion), 2003
· Zumstein, Carlo: Reise hinter die Finsternis. Aus der Depression zur eigenen Schamanenkraft. Kreuzlingen/München: Heinrich Hugendubel Verlag, 2000, 2.Auflage
· Zu Meister Eckhard und Ute Lattendorf fehlen mir die Quellen