«Schamanische Werkzeuge»
Carlo Zumstein im Gespräch mit dem Magazin «Lichtwelle»
Das nachfolgende Gespräch wurde am 16. Januar 2006 von Charlotte Stuijvenberg für die Zeitschrift «Lichtwelle» aufgezeichnet.
Für die Veröffentlichung auf flss.ch wurde der Text im Frühling 2006 von Carlo Zumstein überarbeitet.
Lichtwelle: Carlo, du arbeitest mit schamanischen Werkzeugen. Wie bist du dazu gekommen?
Carlo Zumstein: Darf ich eine Vorbemerkung machen, bevor ich diese Frage beantworte? Schamanismus ist kein Werkzeug in diesem Sinne, sondern es ist für mich mehr ein Lebensweg. Was mir grundsätzlich am Schamanismus gefällt: Die Schamanen gehen davon aus, dass alles lebt. Zum Beispiel der Stuhl, auf dem du sitzst, lebt, ist beseelt. Es gibt nichts Totes, und daher gibt es auch nicht nur ein «Zeug», mit dem man dann «werkt», sondern alles ist beseelt, alles ist Teil eines Grossen Ganzen, und wir wirken eigentlich zusammen. So wähle ich dann statt Werkzeug den Ausdruck «Verbündeter». Dies entspricht der schamanischen Sicht der Welt. Aus unserer Alltagssicht ist Schamanismus natürlich ein Werkzeug. Aber auch dann ist Schamanismus für mich mehr, ist ein Lebensweg, eine Grundhaltung, aus der heraus ich mein Leben und meine Wirklichkeit verstehe.
Einen derartigen Weg geht man nicht freiwillig. Das sehe ich bei vielen, und bei mir war es auch so. Die Anfänge liegen etwa 35 Jahre zurück. Da spürte ich, ich muss in meinem Leben einen Weg gehen, der mir hilft, meine Neigung zu Depressionen zu behandeln oder zu verstehen, um nicht Gefahr zu laufen – wie es sich bei vielen Menschen entwickelt – mit der Zeit auf Medikamente angewiesen zu sein und ab und zu in die Klinik gehen zu müssen usw. Ich habe natürlich bei den herkömmlichen Wissenschaften gesucht, bei Physik und Philosophie. Und neben mir sitzt meine Frau und liest Bücher von Carlos Castaneda und sagt zu mir: «Du musst das lesen, hier steht drin, was du suchst!» Ich hatte ein ziemliches Vorurteil dagegen. Von Kollegen hatte ich gehört, was da drin steht, und das betrachtete ich als schwärmerischen Bocksmist. Weil ich jedoch meiner Frau vertraute, habe ich mich darauf eingelassen, die Übungen, welche in den umfangreichen Texten versteckt sind, praktisch auszuführen. Wir haben dann den «Gang der Kraft» geübt, haben «das andere Sehen» geübt, auch das «Anhalten des inneren Dialogs». In den Sommerferien machten wir anstatt ans Meer zu reisen sehr lange Wanderungen in den Bergen, 3 Wochen lang von Berg zu Berg. Das war der Anfang, da merkte ich: Da sind noch andere Kräfte am Werk. Der Durchbruch kam dann, als ich merkte, dass die schamanische Reise in den dunklen Tunnel hinein bis auf die andere Seite im Grunde genommen eine selbst inszenierte Depression ist. Indem ich zuerst ins Dunkle reise und dann so lange reise, bis ich hinter dem Dunkeln ans Licht gelange. Darum heisst ja auch mein erstes Buch «Die Reise hinter die Finsternis». Das war ein Kampf mit dem Verleger, welcher den Titel in «Reise aus der Finsternis» abändern wollte. Doch ich sagte, nein, mein Weg war hinter die Finsternis, dort habe ich das Licht gefunden, das mir geholfen hat. Ich habe dadurch sehr viel Kraft erhalten und spürte, das ist ein anderer Weg, wo ich nicht mehr das Opfer meiner Neigung mich aus der Wirklichkeit zurückzuziehen bin, sondern wo ich selber handeln kann.
Ein weiteres Werkzeug – oder vielleicht würde dir das Wort «Methode» eher entsprechen – ist ja die schamanische Reise, die du bereits erwähnt hast. Die Trommel oder die Rassel geben dabei den Puls an. Wie und wann unternimmst du in deiner Arbeit solche Reisen?
Wenn ich in der klassischen Art wie ein Schamane arbeite, wende ich sie für mich an. Das ist ja das Besondere am schamanischen Zugang: Der Schamane, der Heiler versetzt sich in Trance, er nimmt eigentlich das Heilmittel und geht zu seinen Geistern, um zu fragen: Was kann man für diesen Menschen tun? Was braucht dieser Mensch? Ich wende die schamanische Reise also bei mir an für die Diagnose, und sie führt mich zur Heilkraft, welche der Klient braucht.
Du reisest also zuerst einmal, um herauszufinden, was der Klient braucht, was ihm fehlt?
Ja, genau. Immer in der schamanischen Kosmologie: Was fehlt ihm? Viele fragen dann auch: Was muss der Klient in dieser Wirklichkeit tun, damit er geheilt wird – welches Medikament muss er nehmen oder welches Ritual soll er anwenden? Das mache ich nicht, sondern ich frage: Was kommt von der anderen Seite, was ihm oder ihr hilft?
Und du nimmst das sozusagen mit von der anderen Seite und überbringst es dem Menschen?
Ja, genau. Da könnte man jetzt vielleicht von einem Werkzeug sprechen oder von einem Ritual, von einer Methode: Das Überbringen ist eigentlich ein Ritual, ein Vorgehen in dieser Wirklichkeit. Ich habe keine Ahnung, wie die Kraft zum Menschen kommt, aber das Ritual ermöglicht, dass es passieren kann. Da gibt es also einen kleinen Unterschied: Nicht ich habe die Kraft so in den Händen, dass ich sagen kann, ich übergebe ihm jetzt etwas. Natürlich spüre ich die Kraft in meinen Händen, natürlich spüre ich, dass in diesem Raum ganz viel Kraft ist, ich spüre, dass bei ihm etwas passiert – und das alles ist eigentlich ein grosses Mysterium. Dieses Mysterium kann geschehen, indem man dieses Vorgehen anwendet, dieses Ritual, oder eben diese Werkzeuge einsetzt.
Dies ist also nicht dasselbe, wie wenn ein Psychotherapeut eine Intervention macht – es ist eine Energie, die übertragen wird?
Es ist anders. Es gibt dort eine ganz andere Kosmologie, und ich bin froh, wenn wir einen Augenblick darüber sprechen können. Der Psychotherapeut muss aufgrund des Gesprächs mit dem Klienten in der Beziehung herausfinden, was für Symptome vorhanden sind. Aufgrund der Symptome schliesst er darauf, was der Klient braucht. Beim schamanischen Tätigsein – und das ist das Spannende dran, weshalb ich es auch mache – zeigt mir der Klient zwar auch seine Symptome, ich kann sie erkennen, kann zum Teil auch nachfragen, um sie zu verstärken oder um sie klarer in ihrer Kraft in den Raum zu bringen. Aber ich als schamanisch Tätiger muss nicht wissen, was er für diese Symptome braucht. Diese Punkt-Punkt-Verbindung, diese lineare Zuordnung vom Symptom zum Heilmittel gibt es im Schamanismus nicht. Das Symptom ist für mich ein Ausdruck des Leidens, aber auch ein Ausdruck der Leidenskraft – und des Heilungswunsches eines Menschen. Und mit diesem gehe ich zu den Geistern oder zur Instanz in der anderen Wirklichkeit und frage: Was braucht er? Dort nehme ich also ein Wissen aus der raumzeitlosen Sphäre, aus der ewigen Sphäre zu Hilfe. Dies ist ein grundsätzlicher Unterschied zur psychotherapeutischen Vorgehensweise. Es ist nicht möglich, einfach «schamanische Methoden» zu integrieren, da es sich um zwei völlig verschiedene Kosmologien handelt.
Beim schamanischen Vorgehen ist es sicher wichtig, ganz offen zu sein, sich von vorgefassten Meinungen oder gelerntem Wissen frei zu halten?
Dafür brauche ich die schamanische Reise auch: Um mich zu öffnen. Ich muss ja als schamanisch Tätiger aus meinem Alltagsbewusstsein austreten. Wenn ich all mein «Egozeug», all mein angelerntes Wissen mitschleppe, dann bringe ich dieses immer rein. Ich muss mich daraus lösen, mein Ich, meine Berufsrolle, alles vergessen – und doch eine Absicht haben, nämlich zu verstehen, was die Geistwesen der anderen Wirklichkeit sagen.
Dies ist wohl etwas vom Schwierigsten, wirklich diese Offenheit zu erreichen?
Das ist ganz schwierig. In Anbetracht dieser Schwierigkeit – wir sind ja so trainiert, selbstbewusst zu bleiben, in der Therapeut-Klient-Beziehung immer unsere Rolle zu klären – sage ich: Eine schamanische Heilsitzung besteht aus 3 Teilen. Der erste und der letzte Teil laufen ganz psychologisch, indem es um Beziehungsarbeit geht und auf den Regeln der Kommunikation und der Psychotherapie beruht.
Der mittlere Teil ist der rituelle Teil. Dieser baut auf der schamanischen Kosmologie auf. Auf diesen Übergang muss einerseits der Klient vorbereitet sein, andererseits muss aber auch der schamanisch Tätige diesen Übergang ganz bewusst machen. Dies ist eine lebenslange Übung: an dieser Schnittstelle ganz schnell aus der gewohnten Persönlichkeit auszutreten. Daher ist für mich Schamanismus auch kein Werkzeug, daher ist es ein Lebensweg. – Aus schamanischer Sicht stirbt der Schamane jedes Mal, wenn er auf eine Reise geht. Er lässt seine Persönlichkeit sterben. Das ist natürlich die magische Sprache des Schamanismus: Du stirbst und gehst zurück in die Zeit- und Raumlosigkeit, dorthin, wo du niemand bist, wo du keine Persönlichkeit hast. Dort triffst du deine Ahnen oder deine Krafttiere, du fragst sie und bringst anschliessend die Kraft zurück.
Dann musst du aber im dritten Teil mit dem Klienten wieder in Beziehung treten und ihm verständlich machen, was er da erhalten hat, damit er es in die Alltagswirklichkeit mitnehmen kann. Diese Dreiteilung ist für mich ein wichtiges Modell – man könnte hier auch wieder von Werkzeug sprechen. Etwas zugespitzt nenne ich es manchmal das schamanische Sandwich, zwei Stücke Brot und in der Mitte das gute Stück Fleisch.
Heisst das, dass im mittleren Teil der Klient einfach wartet, während du die schamanische Reise antrittst?
Nein – das ist eine wunderbare Frage! Der Klient ist mein Schamane – aus verschiedenen Gründen, die ich noch erläutern werde. Während ich auf meine Reise gehe, kann er nicht anders als auch auf die Reise gehen. Wenn ich laut trommle, dann hat die Trommel auf ihn genau die gleiche Wirkung wie auf mich. Es kann nicht sein, dass er so resistent ist und in der Alltagswirklichkeit bleibt, während ich mit dem gleichen Rhythmus auf die Reise gehe. Ich sage immer zu meinen Klienten: Während ich auf die Reise gehe, gehen Sie auch auf die Reise. Warum er mein Schamane ist, hat noch folgenden Grund: Für mich ist das Leiden eine äusserst starke Kraft, kein Defizit. Man muss es jeden Tag wieder herstellen können. Wenn man bedenkt, dass das Leben ein ständiger Entwicklungsprozess ist, ist es doch ein Wunder, dass man ein Leiden aufrechterhalten kann. Das kann zwar fast zynisch tönen, aber für mich ist es ein Anlass, das Leiden zu würdigen und es auch als Geschenk zu sehen. Die Schamanen betrachten das Leiden als Geschenk der Geister, es ist eine Kraft, die mir zwar nicht gut tut, die aber irgendwo im Grossen Ganzen gebraucht wird. Mit der Zeit merkt man, dass das Leiden, welches der Klient bringt, mit mir genauso zu tun hat. Aus diesem Grund ist er mein Schamane. Ausserdem hat er oder sie einen ganz starken Heilungswunsch. Das Leiden ist ja auch der Wunsch, geheilt zu werden. Und dieser ganz starke Heilungswunsch ruft auch die Geister. Die Sehnsucht nach dieser Kraft die heilt ist das, was ich brauche. Daher sage ich auch meinen Klienten: Ohne Ihren Heilungswunsch bin ich machtlos. Ich kann nicht Heilkraft rufen, wenn Sie mir nicht helfen mit Ihrem Heilungswunsch. Daher ist der Klient auch mein Schamane. Und dann ist da noch etwas Drittes, auf das Michael Harner (1) immer hingewiesen hat: Dort, wo Heilkraft ist, werden alle geheilt. Dort, wo eine Kerze brennt, erreicht das Licht alle. Es ist nicht nur für diejenigen, welche die Kerze aufgestellt haben. Daher bin ich beim schamanischen Heilritual immer auch in der Heilkraft drin. Der Klient muss also auf dieselbe Art reisen wie ich. Ich muss ihm erklären, was auf der Reise passieren kann, dass er Kräften begegnen kann, dass er sogar Verbündeten begegnen kann und dass er eine Absicht braucht – und diese lautet: Ich möchte Heilung erleben.
Wir versuchen, dies auf verschiedene Art greifbar zu machen – ein Werkzeug daraus zu machen –, indem ich auch sage: Die Heilung des Klienten findet irgendwo auf seiner Lebenslinie statt. Wenn er zu mir kommt, setzen wir uns an seinen Lebensfluss oder an seinen Lebensweg, und er oder sie braucht es jetzt, sich mit seiner Vergangenheit zu versöhnen. Zu würdigen, dass er oder sie diesen Leidensweg gegangen ist und dass dieser jetzt zu einem Abschluss kommen darf. (Nicht im Sinne von positiv denken.) Dann folgt der Ausblick: Wer bin ich, wenn ich geheilt bin? Ein Mensch, der sich sich selbst nicht als geheilt vorstellen kann, der kann nicht geheilt werden. So kleiden wir die Heilungssehnsucht immer in ein Bild – wie sieht er aus, wie tönt er, wie handelt er, wie bewegt er sich, wenn er geheilt ist? So erarbeite ich mit dem Klienten immer ein Bild. Und er schaut sich während der Reise immer sich selbst in der Zukunft an und sagt zu seinen Geistern mit der ganzen Kraft seines Heilungswunsches: Dahin möchte ich gelangen! Dies ist mein Reiseziel! – Er reist so, während ich zu meinen Geistern gehe. So sind wir immer beide auf der Reise. Auch in diesem Sinne sind wir zwei Schamanen, die sich treffen, um die Kräfte zu rufen.
Ein solches Ritual ist ein lebendiges Ereignis, das eine tief greifende Wirkung hat. Man kann es nicht einfach als eine angelernte Methode durchführen. Das Werkzeug selber garantiert noch nicht, dass die Kraft darin ist. Wenn beispielsweise jemand einen Hammer in die Hand nimmt, ist noch nicht klar, ob er damit etwas Sinnvolles bewirkt. Meine Kraft, meine Absicht muss in diesen Hammer einfliessen. Das Werkzeug muss immer wieder beseelt werden von dem, der es anwendet.
Ein wichtiges Werkzeug des schamanischen Heilens ist das Zurückholen von Seelenteilen. Was ist das genau?
So wie wir Schamanismus hier im Westen verstehen, als alternative, als spirituelle Heilmethode, in diesem Verständnis ist die Seelenrückholung ein ganz zentrales Heilritual. Wie ich es gelernt habe und wie es auch im Buch von Sandra Ingerman (2) steht, trägt der Mensch seine ganze Seele in sich. Das ist ein sehr psychologisches Verständnis der Seele. Die Seele hat eine ureigene Weisheit in sich. Wenn sie konfrontiert ist mit einem schweren Trauma wie einem Unfall, einem Missbrauch oder einer Erniedrigung, mit irgendeinem traumatischen Ereignis, dann zieht sich die Seele in die andere Wirklichkeit zurück. Dann habe ich Seelenverlust. Dass die Seele sich zurückzieht, ist ein Schutzmechanismus, denn der Teil der Seele, der sich zurückzieht, bleibt unverletzt. Verletzt wird nur das, was dableiben muss. Ein Teil der Seele zieht sich also zurück, versteckt sich irgendwo, flieht einfach und kommt nicht mehr von selbst zurück – niemand weiss, warum. Dann leidet der Mensch, denn ihm fehlt ein Teil seines Wesenskerns. Er hat dann nicht mehr seine ganze Uressenz, seine Grundlebenskraft zur Verfügung. Das kann zu Depressionen, Verstimmungen, verstärkter Anfälligkeit für Krankheiten und einem ganzen Spektrum von psychosomatischen Erkrankungen führen. Dann kann ein solcher Mensch zu einem Schamanen oder einer Schamanin gehen, und dieser oder diese macht dann eine schamanische Reise und holt die verlorene Seelenkraft zurück.
Jetzt kann es sein, dass sich dieser Seelenteil am Ort, wo das Trauma passiert ist, versteckt. Es kann aber auch sein, dass er in die Nichtalltägliche Wirklichkeit, in die Obere oder Untere Sphäre geht und dort gefunden wird. Das weiss der Mensch nicht, und der Schamane weiss es zunächst auch nicht. Er wird von den Geistern dort hingeführt. Das ist die ursprüngliche Art, wie die Seelenrückholung angewendet wird.
Durch meine langjährige Arbeit mit einzelnen Klienten und mit Gruppen hat eine Entwicklung stattgefunden. Heute habe ich ein etwas anderes Modell von Seelenverlust. Von meinen Geistern bin ich immer mehr darauf hingewiesen worden, dass auch im schamanischen Weltbild stimmt, was im Christentum gesagt wird: dass wir Kinder Gottes sind. Das heisst, dass ein Teil unserer Seele immer schon göttlich ist, angekommen ist, vollendet, vollkommen, nie in Raum und Zeit gewesen ist. In der schamanischen Kosmologie heisst das, dass ein Teil der Seele immer in der Nichtalltäglichen Wirklichkeit bleibt. Natürlich, wenn man ein mehr psychologisches Modell hat, sagt man, die Ewige Seele ist in mir drin. Im schamanischen Weltbild findet keine Teilung in innen und aussen statt, da ist es noch so wie in unseren Träumen.
Du hast also diesen göttlichen Teil der Seele, und dann hast du den Teil der Seele, der mit dir durchs Leben geht. Und jetzt gibt es für mich hier drei Formen, wie ein Seelenverlust geschehen kann. Einerseits kannst du den Bezug zu deiner Ewigen Seele verloren haben. Die Menschen sehen sich nur noch auf ihr Leben beschränkt. Ihr Lebensziel liegt nur noch in der linearen Zukunft; sie wollen sicher sein, erfolgreich, reich, sie wollen ihr Leben geniessen können, sich hier und jetzt verwirklichen. Da ist ein wichtiger Teil, nämlich ihre Spiritualität, ihrer Göttlichkeit, ihre Vollkommenheit wie abgeschnitten. Es gibt viele Menschen, die sehr stark daran leiden, dass sie so eindimensional geworden sind.
Eine andere Form des Seelenverlusts kann sein, dass ich die Seele in meiner Vergangenheit, in meiner Geschichte verloren habe. Jedes Ereignis, das mich ganz stark in Anspruch nimmt, das erfahre ich mit Leib und Seele. Wenn dieses Ereignis nicht abgeschlossen ist in meiner Vergangenheit, bleibt ein Teil meiner Seele zurück. Also alles, woran ich heute noch mit Schmerz, Leiden oder auch mit grosser Freude zurückdenken muss, da steckt noch ein Stück meiner Seele. Man könnte sagen: Die ganze Lebenslinie ist eine Art Kometenschweif von zurückgelassenen Seelenteilen. Ich führe heute oft ein Ritual durch, welches die Menschen als das heilsamste Ritual empfinden, die Seelenzentrierung. Wir holen alle diese Seelenkraft aus der Vergangenheit zurück. Das ist etwas, was die Klienten sehr gut selber machen können.
Dann gibt es noch die klassische Seelenrückholung. Aber auch da haben wir eine Änderung im Konzept: Wir sagen, die Seele, die weggeht, geht nicht irgendwo hin, sondern sie geht wie nach Hause, sie stirbt gleichsam aus dem Leben hinaus. Das entspricht auch dem, was viele Menschen sagen, wenn sie etwas Schlimmes erlebt haben: Es ist, wie wenn ein Teil von mir gestorben wäre. Das nehme ich wörtlich: Ein Teil der Seele ist auf dem Weg nach Hause. Wenn ich heute eine Seelenrückholung mit einem Menschen mache, dann folge ich sozusagen seinem Weg zu seiner Seelenheimat, und unterwegs treffe ich dann die verlorenen Seelenteile an und bringe sie von dort zurück. Das hat eine schöne Verbindung zu unserem heutigen Leben, indem ich heute glaube, fest glaube, dass wenn die Menschen am Abend ins Bett gehen, sich ihre Seele auf den Weg nach Hause träumt. Und ich glaube heute, dass die meisten Seelenrückholungen von den betroffenen Menschen selber durchgeführt werden, indem sie in der Nacht diejenigen Seelenteile zurückholen, welche am Tag verloren gegangen sind, weil das Leben sie herausgefordert, überfordert hat. Nicht umsonst sagen alle: Die Nacht ist erholsam. Ich glaube, was ich dann hole, wieder hole, im Ursprung hole, ist meine Seelenkraft. So sage ich den Menschen oft, wenn sie zu mir kommen: Achte auf deine Träume, und nimm deine Träume als Träume deiner Seele. In den Traumseminaren gehe ich so vor, dass ich davon ausgehe, dass in unserer Seele immer zwei Wünsche sind: Ein Wunsch ist, dass ich nach Hause gehen will. Das ist der Wunsch nach Transzendenz, der Wunsch nach Spiritualität; ich will ins Grössere Ganze eingehen, will zu meiner Ewigen Seele gelangen. Aber unsere Ewige Seele hat definitiv auch den Wunsch, da zu sein. So sage ich manchmal zu den Menschen: So, wie du da bist, bist du die beste Erfüllung des Wunsches deiner Ewigen Seele. Das bringt etwas Versöhnliches rein, macht es weniger dramatisch.
Wir haben also drei Formen von Seelenverlust: Der eine ist der verlorene Bezug zur Ewigen Seele, der andere der Verlust von Seelenteilen in der Vergangenheit, und dann eben die Seelenkraft, die auf den Heimweg geht, die aus der jetzigen Zeit herausstirbt.
Geschehen die schamanischen Reisen in einem Zustand der Trance?
Ich habe ein erweitertes Bewusstsein – es ist wie luzides Träumen – und gleichzeitig kann ich eine bewusste Absicht aufrechterhalten. Ich bin zwar nicht mehr in dieser Wirklichkeit, aber weiss trotzdem noch, für was ich wohin unterwegs bin. Ich bin quasi in der dunklen Nacht unterwegs, aber der Silberfaden des Mondlichts, welches ja gespiegeltes Sonnenlicht ist, erhellt meine Nacht. Das Bewusstsein, die Sonne des Tages, welche alles erhellt, kommt nachts noch über den Mond in diesen Zustand hinein. So wird alles erleuchtet, erhellt, was ich sehen muss. Ich folge einer Absicht, ich weiss, dass ich dort bin. Es ist eine Trance im psychologischen Sinne, ergänzt durch eine bewusste Absicht. Ich bin wie ein Forscher unterwegs, mit Neugierde, ich weiss nicht, wie und wo mir das Gesuchte begegnen wird, aber ich weiss, dass ich will, dass mir etwas begegnet. Das ist auch eine Schwierigkeit für Menschen, die sich aus den Büchern heraus gewisse Vorstellungen darüber machen, was sie sehen sollten. Wenn sie nicht das Erwartete sehen, empfinden sie es als Misserfolg und übersehen dann das Geschenk der Geister, welches eben im Trancezustand kommen sollte, wo ich nicht weiss, was kommen wird. Es ist also ein Tanz zwischen bewusster Absicht und einem ganz offenen, erweiterten, trance-ähnlichen Bewusstsein. Heute spreche ich nicht mehr von erweitertem Bewusstseinszustand, sondern von der Modulationsfähigkeit des Bewusstseins, von der Gestaltungsfähigkeit. Viele verschiedene Bewusstseinszustände sind möglich. Ich kann mein Bewusstsein so modulieren, dass ich ganz weit bin, ganz offen, ganz neugierig, und gleichzeitig kann ich noch wissen, ich habe ein Ego, ich habe einen Wunsch, eine Absicht. Ich glaube, dass die Kinder das noch ganz gut können, daher sind sie in diesem Sinne so gute Schamanen. Sie haben eine Neugierde, ein Sichwundern und lassen sich dann immer wieder überraschen, wie dieses erfüllt wird. Das ist genau der Tanz, den ich meine, wenn du mich fragst, in welchem Zustand ich arbeite.
Du hast auch Erfahrungen mit Schamanen, die noch in mehr naturverbundenen Völkern leben. Wie hast du diese erlebt?
Ich war in Sibirien und in Nepal bei Schamanen. Diese Menschen haben nicht wie wir ein so starkes Ego, mit dem sie sich selbst ständig überwachen. Sie können ganz schnell jemand anders werden. Für diese Schamanen ist das der Alltag. Ich werde nie auf dieselbe Art Schamane sein können. Doch habe ich natürlich durch diese Schamanen Dimensionen meines eigenen Wesens erfahren, die sich sonst wahrscheinlich nicht so leicht geöffnet hätten. Eine Bewusstseinserweiterung, welche ganz selbstverständlich ist. Wenn man in Sibirien stundenlang, tagelang, wochenlang in der Steppe ist, dann erweitert sich das Bewusstsein einfach. Es gibt nichts zivilisatorisches, das mich an mich erinnert; ich kann nicht einmal mein Portemonnaie hervornehmen und sagen, ich bin Carlo Zumstein, denn es braucht keins. Ich sehe mich nie im Spiegel. Es gibt nichts, was mich an die gewohnten Alltagsrituale erinnert. Dann erweitert sich das Bewusstsein in eine Dimension, in der ich mich eins fühlte mit den Gräsern, mit dem Fluss, den Steinen. Das waren wunderschöne Erlebnisse.
Das Wesentliche eines Schamanen ist eigentlich nicht, dass er ein Heiler ist, sondern dass er ein Schöpfer ist. Das habe ich in Sibirien auch gelernt. Wenn dort ein Schamane ein Ritual aufbaut, dann baut er eine Wirklichkeit. Er schichtet ein Feuer auf, er beginnt zu tanzen, zu trommeln, zu singen… Dann entsteht in der Wildnis eine Kraft, welche auch die Menschen, die drum herum stehen, ergreift – er schöpft eine Wirklichkeit, die zwar nur solange bestehen bleibt, wie er singt und tanzt und trommelt. Doch er ist Schöpfer, und diese Schöpferkraft ist eigentlich die Heilkraft. Was für mich ganz wichtig ist – das habe ich auch bei den Schamanen gelernt: Wir sind nie alleine. Die Menschen müssen immer sagen: Ich habe alles in mir. Das ist ein solcher «Krampf», alles in sich zu haben! Wenn man nicht sagen darf: Die Luft, die ich einatme, gibt mir Kraft, die Sonne gibt mir auch Kraft, die Erdkräfte, die durch mich aufsteigen, geben mir Kraft, das Wasser gibt mir Kraft, alle geben mir Kraft. Ich bin gar nie alleine. Ich muss nicht alles alleine machen. Das haben diese Schamanen perfekt gelebt, es war für sie selbstverständlich. Du bist nie alleine. Immer tanzst du zusammen mit dem Grossen Ganzen.
Dann kann man sich entspannen.
Ja, genau. Wenn ich’s mache nach bestem Wissen und Gewissen, dann muss ich mich auch nicht darum kümmern, ob es heilsam wirkt oder nicht, ich kann es einfach machen. Und dann können die Geister, die Seele des Menschen, alles kann mitwirken bei dem, was passiert. Ja, ja, man kann sich entspannen.
Gibt es noch ein weiteres Werkzeug des Schamanismus, das ganz wichtig ist und über das wir noch nicht gesprochen haben?
Nicht ein Werkzeug, jedoch ein ganz wichtiges Prinzip. Der Schamane, die Schamanin ist ein Brückenbauer. Er materialisiert aus der Raum-Zeitlosigkeit, der Ungegenständlichkeit, der Sphäre der reinen Kraft immer wieder eine Wirklichkeit. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass der Schamane tragfähige Werkzeuge braucht; im Schamanismus sagt man eher, er hat Medizin. Er hat Krafttiere, er hat Ahnen, und er hat von ihnen irgendeinen materialisierten Gegenstand, wie mein Schamane hier (kleine helle Steinfigur), wie da hinten der Steinstab, wie diese Feder, wie die Klangschale. Alles, was ich hier habe, sind Werkzeuge, denn wenn ich sie verwende, verbinden sie mich mit der Kraft des Grossen Ganzen. In diesem Sinne verwendet der Schamane Kraftobjekte – oder eben Werkzeuge –, die er in seiner rituellen Arbeit einsetzen kann. Medizinen, durch welche er die Kraft wirken lassen kann. Dann ist es typisch für den Schamanen, dass er nie alle ausstellt. Er hat immer noch ein paar verborgen, weil er sagt, wenn sie offen sichtbar sind, kann es sein, dass andere Kräfte in sie einfliessen. Er will, dass sein Werkzeug ganz rein bleibt. Es gibt auch schamanische Medizin-Gegenstände, wie diese zwei Wurzeln da hinten, die den Schamanen mit Plätzen verbinden, Kraftplätzen in der Natur. Die Trommel ist auch ein ganz starkes Werkzeug.
Gibt es etwas, das du zum Abschluss dieses Gesprächs noch anfügen möchtest?
Das Werkzeug macht nicht die Kraft – es kann eine Kraft tragen – es ist ein Tanz, eine Anwendung, durch welche man die Kraft mit der eigenen Seele wieder ins Leben bringt. Das ist mir ganz wichtig: Dass man nicht meint, wenn man ein schamanisches Werkzeug habe, sei man auch Schamane. Schamanische Werkzeuge machen noch nicht den Schamanen/die Schamanin. Und natürlich, was ich auch einen ganz schönen Gedanken finde, in allen unseren Werkzeugen, wie z. B. im Messer, in der Gabel, wohnt auch ein Geist, der uns auch helfen kann. Ich verbinde mich immer mit der Funktion des Werkzeugs und mache seinen Geist zu meinem Verbündeten. Aber das wissen die Leute, die mit Computern arbeiten, schon längstens. Wenn ich mich mit dem Geist eines Computerprogramms verbünde, dann zeigt er mir, wie es funktioniert. Diejenigen, die eins werden mit ihrem Werkzeug, zum Beispiel Sportler, die werden auch durch den Geist des Werkzeugs geführt. Mich würde es freuen, wenn die Menschen unsere Werkzeuge wieder in diesem Sinne benutzen würden. Dann würde ganz viel vom Spirituellen wieder in unsere Kultur zurückfliessen – ohne dass wir zu Schamanen oder sonst wohin gehen müssen. Das ist eine Versöhnung mit unserer Werkzeugwelt.
1) Michael Harner: Der Weg des Schamanen, Ullstein Taschenbuch 2004
2) Sandra Ingerman: Auf der Suche nach der verlorenen Seele, Econ Taschenbuch 2005
Carlo Zumstein hat die Methoden des Schamanismus weiterentwickelt zum spirituellen Selbstkreations-Prozess. Er wirkt als Psychotherapeut und ist bekannt geworden für seinen Weg, Schamanismus in der heutigen Zeit zu leben und zu lehren. Seit Jahren gibt er sein Wissen in Seminaren in Europa und den USA weiter. Als Gründer und Leiter der Foundation for Living Schamanism and Spirituality widmet er sich den Geheimnissen des spirituellen Heilens und der Gestaltung eines heilen Daseins.
Publikationen:
Reise hinter die Finsternis
Schamanismus
Der schamanische Weg des Träumens
