Heiltermin beim Schamanen


Vortrag von Carlo Zumstein, 2003

«Zwei Monate sind vergangen seit der Seelenrückholung. Am ersten Tag schwebte ich wie auf Wolken. Am folgenden Morgen schaffte ich es kaum, aus dem Bett zu kommen. Das dumpfe, graue Gefühl, wie wenn ich betäubt wäre, war wieder da.

Der depressive Zustand dauerte noch drei Tage. Seither lebe ich im Gefühl bei der Seelenrückholung habe sich meine ganze Seele erneuert. Das tönt vielleicht doof. Aber seit bald zwei Monaten habe ich ein neues Lebensgefühl. Ich bin voller Lebenskraft, gleichzeitig aber viel ausgeglichener als früher. Der Boden unter meinen Füssen bricht nicht mehr ein. Das gibt mir soviel Sicherheit. Die Menschen um mich herum, nehmen mich plötzlich ernst. Jetzt kann ich den längst fälligen Berufswechsel angehen… –

Sie haben mir nach der Seelenrückholung geraten zu einem Baum zu gehen. Ich bin beinahe jeden Tag bei meiner Buche. Ich lehne mich mit dem Rücken an ihren Stamm. Während ich von mir erzähle, spüre ich wie ihre Kraft durch mich hindurch fließt. Wir sind Freundinnen geworden… –

Danke für ihre Hilfe… – Eva»

Was ist Seelenrückholung?

Bei einem Trauma, einem Unfall, einer schweren Krankheit oder einem Missbrauch verlieren wir Seelenkraft. Unsere Seele hat einen Schutzreflex und flieht aus dem Leben, noch bevor sie verletzt wird. Zurück bleibt der Mensch ohne Seele. Ein Schamane, eine Schamanin kann die verlorene Seelenkraft zurückholen und wieder ins Herz einhauchen. Das ist uraltes Erfahrungswissen der Schamanen. Sandra Ingerman, amerikanische Psychologin und heute weltweit bekannte westliche Schamanin, hat es wiederentdeckt. Ich war 1993 in Kalifornien in einem ihrer ersten Seminare über Seelenrückholung. Seither ist sie zu einem der zentralen Heilrituale des westlichen Schamanismus geworden. Darum soll die schamanische Seelenrückholung hier etwas ausführlicher dargestellt werden.

Für Sandra ist die Seele der Wesenskern unserer Lebenskraft, gleichsam unser ureigener Kristall universeller Lebensenergie, der in all unseren Zellen leuchtet und pulsiert. Bricht bei einem Trauma ein Teil dieses Kristalls weg, fehlt Lebensenergie. Die Folgen sind: chronische Müdigkeit, Mangel an Motivation und Initiative, Freud- und Lustlosigkeit sein, Entfremdung sich selbst und dem Leben gegenüber, erhöhte Krankheitsanfälligkeit, Depressionen.

Dennoch führt der Schamane bei einem Menschen, der unter obigen Symptomen leidet, nicht einfach eine Seelenrückholung durch. Als Psychotherapeut würde ich so vorgehen. Hier verweisen Symptomen auf die Ursachen eines Leidens und diese auf die fachgerechte Behandlungsmethode. Als Schamane frage ich meine spirituellen Verbündeten: was können wir für die Heilung des Leidenden tun?

Darin liegt der fundamentale Unterschied zwischen der Psychotherapie und Medizin und dem Schamanismus. Statt auf mein psychotherapeutisches Fachwissen stütze ich mich auf die zeitlose Kraft und Weisheit der spirituellen Welt. Nur die Entscheidung ob überhaupt ein schamanisches Heilritual in Frage kommt, treffe ich als Psychotherapeut.

Exkurs: Schamanische Heilrituale
Nicht immer sind verlorene Seelenteile die spirituelle Ursache eines Leidens. Manchmal zehren fremde Energien an der Lebenskraft eines Menschen. Dann lassen mich meine Geister eine Extraktion vornehmen. Extraktion ist die spirituelle Befreiung von krankmachenden Energien. Mit den Händen, mit Wasser oder Feuer werden sie dort, wo sie im Körper festsitzen, herausgezogen und in der Natur dem Kreislauf der Kräfte übergeben. Für Menschen ohne Zugang zu Ressourcen übergeben mir die Geister ein Krafttier. Ich blase es ihnen ein und lasse sie im Krafttiertanz das Wiedererwachen ihrer eigenen Urkräfte erleben. Die Geister zeigen mir Orte in der Natur und Rituale für Menschen, die ihre eigenen Wurzeln in der Natur wieder finden sollen. Der Baum richtet sie auf, der Fluss läutert sie, das Feuer nährt ihre Leidenschaft fürs Leben. Weil es um die spirituelle Heilung geht, eignen sich alle hier erwähnten Rituale für körperliche und seelische Leiden. Als Schamane wirke ich nur als Vermittler zwischen Klient, Klientin und den Geistern Heute können alle das schamanische Reisen lernen und zum eigenen Schamanen werden. Ich habe die Technik im letzten Artikel skizziert.

Tatsächlich schlagen die Geister manchmal vor, dass ein Klient oder eine Klientin selbst in die spirituelle Welt reist, wo eigene Verbündete sie längst erwarten. Der spirituelle Weg vieler alter Schamanen begann mit der so genannten Schamanenkrankheit. In Fieberschüben oder schweren Träumen erlebt der angehende Schamane, den ersten Kontakt mit den Geistern. Die Krankheit wird zur Initiation.

Dies geschieht heute nicht seltener als früher. Immer wieder treffe ich Menschen, die durch die ängstliche Fixierung auf Äußerlichkeiten ihre Initiation abwehren. Da in unsere Kultur kein Platz für spirituelle Menschen ist außer als Heiler oder Priester.

Vorbereitung auf die Seelenrückholung
Zurück zu Evas Seelenrückholung. Eva äusserte beim Vorgespräch Bedenken: die Heilung ihrer Depressionen Geistern anvertrauen, das befremdete sie. Verstehe ich gut, mein Alltags- und Psychologen-Ego muss sich auch immer wieder dazu überwinden. Eva besprach sich nochmals mit ihrer Psychotherapeutin, die ihr eine Seelenrückholung vorgeschlagen hatte.

Spirituell interessierte Psychotherapeuten begründen ihren Vorschlag oft so: Wie kann ich etwas therapieren, das nicht da ist, – gemeint sind die verlorenen Seelenteile. Doch die Seele ist kein Puzzlespiel. Die Seelenkraft ist nicht einfach weg. Sie ist auf dem Weg zur ewigen Seele, unserer ureigenen, vollkommenen, erleuchteten, ja göttlichen Seelennatur in der spirituellen Welt. Zeitlebens ist da eine Sehnsucht nach jenem Ort in uns, in schweren Zeiten wird sie zum starken Ziehen. Von dort kommen die Seelenteile häufig in Träumen selbst zurück. Der Traumweisheit der Schamanen wird ein künftiger Artikel gewidmet sein.

Als Eva wieder kam, führten wir ein zweites Vorgespräch. Ich lud Eva ein zur Vorbereitung auf die eigentliche Seelenrückholung drei wichtige Rituale zu machen: Sich-Heilung-erlauben, Leiden-vollenden, Vision der spirituellen Wiedergeburt entwerfen.

Fest verankert hier und jetzt auf dem Heilplatz blickt Eva in die Vergangenheit und würdigt sich selbst auf ihrem langen Weg des Leidens und der Suche nach Heilung. Und sie gibt sich die Erlaubnis beides mit dem heutigen Ritual zu vollenden. Vielleicht war sie sogar ausersehen einen Leidenswegs mehrerer Generationen von Ahninnen zu vollenden. In die Zukunft blickend, betrachtet Eva sich selbst nach der Heilung: Wer ist sie dort? Ihre wichtigste Aussage über sich selbst? Was ist ihr spiritueller Archetyp, den ihre ewige Seele in diesem Leben verwirklichen möchte? Künstlerin, Heilerin, Lehrerin? Ohne heiles Selbstbild kann Heilung nicht geschehen.

Einblick in die Erlebniswelt des Schamanen
Als ich für Eva zu meinen Verbündeten reiste, führten sie mich zunächst zu einer alten Frau. Auf ihrem Schoss sass eine kleine leuchtende Seelengestalt. Sie war es, die meine Geister und mich zuerst zu einer etwa siebenjährige Seelengestalt und dann zu einer jungen erwachsenen Frau führte, alle unverkennbar mit den Gesichtszügen von Eva.

Während meiner Reise hatte ich auf meiner Trommel einen monotonen Rhythmus geschlagen. Der Raum wurde nur von einer Kerze erhellt Aus einer Räucherschale stieg kleiner Rauchwirbel auf und verbreitete einen sanften Pinienduft. Eva lag still vor mir auf einer Decke. Als ich ihr die Seelenkraft aus meinen Händen in die Herzgegend einblies, begann sie tief zu atmen.

Integration der Seelenkraft
Beim Nachgespräch erzählte Eva, der Tod der Großmutter sei für sie ein großer Schock gewesen. Sie wäre damals am liebsten mit ihr in den Himmel gegangen. Ein ähnlicher Schock war die Trennung der Eltern, kurz nach Schuleintritt. Nochmals tief erschüttert hat sie ihr erstes sexuelles Erlebnis mit ihrem ersten Freund. Eva war erstaunt über die Übereinstimmung. Ich auch. Nicht immer zeigt sich ein so klarer Zusammenhang zwischen den Seelenteilen und den Lebensereignissen. Immer aber erleben die Menschen durch eine Seelenrückholung einen Zuwachs an Kraft.

Die neue Seelenkraft kann auch überfordern, schlaflos, unruhig machen. Sylvia, eine junge Unternehmensberaterin brauchte nach der Seelenrückholung ärztliche Hilfe, weil eine chronische Erkältung mit einer verschleppten Lungenentzündung nochmals akut ausbrach und erst danach ausheilen konnte. Bei Menschen, ohne festen Ich-Kern kann diese Kraft die Angst verstärken, sich ganz zu verlieren.

Sandra Ingerman empfiehlt, sich drei Wochen Rekonvaleszenzzeit zu gönnen, Zeit für die Seele und sich selbst im neuen Leben anzukommen.

Alles nur Hokuspokus

Im Brief am Anfang diese Artikels beschreibt Eva eindrücklich den Heilungsverlauf nach der schamanischen Seelenrückholung, auch ihre Zweifel, ihre Rückfall in die alten Denkens- und Verhaltensmuster. War Eva nach nur einer Seelenrückholung für immer geheilt?

Wissenschaftler, Ärzten und Psychotherapeuten hört man über schamanische Heilrituale urteilen: Alles nur Suggestion, Placebo-Effekt, Symptomverschiebung. Sie haben recht. Sie argumentieren in Übereinstimmung mit ihrem rationalen Weltbild. Da existieren keine Geistkräfte. Also können sie auch nicht wirken. Die Frage ist eher: wie können sie so überzeugt sein, daß ihr Weltbild das einzig wirkliche ist. Ebenso problematisch scheint mir die Behauptung mancher Spiritueller: die wirklichen Ursachen jedes Leidens seien im Geist, im transpersonalen, spirituellen Bereich zu finden.

Die drei Rituale schamanischer Seelenheilung
Aus der klassischen Seelenrückholung sind zwei weitere Rituale der Seelenheilung entstanden. Bei beiden ist der Klient, die Klientin für sich selbst Schamane, Schamanin.

Immer wieder holen uns Gefühle von Schmerz, Angst, Wut und Trauer in die Vergangenheit zurück. Sie werden genährt durch Seelenkraft, die wir damals in einem jüngeren Selbst zurück gelassen haben. Wenn wir jener Seelenkraft erlauben, im hier und jetzt an unserem Leben mitzuwirken, ist auch unser jüngeres Selbst erlöst. Seelenzentrierung bringt die Seelenkraft dahin, wo wir sie brauchen.

Der wohl schlimmste Seelenverlust ist die verlorene Verbindung zur ewigen Seele. Nur auf auf unser horizontales Leben fixiert, kann man uns mit der Arbeit auch den Lebenssinn wegnehmen. Die Reise zur ewigen Seele ist eine schamanische Reise doch statt von den Geistern lassen wir uns von der Weisheit und Sehnsucht unserer Seele selbst an den Ursprung unseres Daseinswunsches führen.