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Seminardaten

Traumpfade Einführungs-Text

Träumen ist die Urform der schamanischen Reise zu den Quellen der Kraft. Beim Träumen begegnen wir Ursprung und Transzendenz des Bewusstseins. Träumend finden wir uns gleichsam in der Nacht vor dem ersten Schöpfungstag. Während wir den schlafenden Körper in die Obhut der Erde zurückgelegt haben, erschaffen wir aus dem nachtschwarzen Nichts eine flüchtige Licht-Wirklichkeit. Könnte es sein, dass wir nicht nach Träumen suchen, sondern nach dem Licht, das keine Schatten hinterlässt?

Aus dieser Sicht sind die erinnerten Träume, aber auch die Lebensgeschichte weite Landschaften unvollendeter Träume. Entgegen der Empfehlungen der Psychologie deuten wir sie nicht als Spiegelflächen unserer Seele. Wir träumen sie Region um Region «zu einem guten Ende». Das heisst, wir träumen die abgebrochenen Traumhandlungen weiter, bis die Gefühle ausgelebt sind. Dadurch wird die in den Träumen gebundene Seelenkraft befreit. Analoges erreichen wir bei der Seelenzentrierung im Wachen.

Im Verlaufe der vier Traumseminare träumen wir unsere erträumten und erlebten Erinnerungen «zu einem guten Ende» – unsere Überzeugungen, Glaubenssätze, Vorurteile, unser Selbstbild, die Körperverspannungen und unsere Projektionen auf andere – bis die Seele sich selbst als unvollendeter Traum erkennt und zum Ort der ewigen Seele zurückkehren kann. Hier kann sie eine neue Daseinsbestimmung erträumen und ins Wachleben zurückkehren. In der schamanischen Seelenarbeit entspricht dies der Reise zur ewigen Seele und der Rückkehr in die Sieben Kreise der Seele. Schamanische Traumarbeit wirkt heilend und läuternd wie Meditation. Träumen ist der schamanische Erleuchtungsweg. Eine ausführliche Darstellung findet sich im Buch «Der schamanische Weg des Träumens» (Carlo Zumstein, Ariston 2003).

Ninas Wiederholungstraum

Nina beklagte sich über einen Wiederholungstraum, den sie seit Jahren immer wieder mehrere Nächte hintereinander träume. Die Folge davon sei, dass auch ihr Wachleben vom Gefühl des Ausgeschlossenseins bestimmt werde.

In diesem Traum muss sie immer wieder wehrlos miterleben, wie ihre ganze Herkunftsfamilie und ihre Freunde in ihre heutige Wohnung eindringen und sich breit machen, Schränke und Schubladen öffnen, ohne Nina zu beachten, als wäre sie Luft. Dabei versucht sie verzweifelt, sich bemerkbar zu machen, bis sie in Ohnmacht und Wut erwacht.

Kennen wir nicht alle ähnliche Träume? Wir nehmen an, ihr Ursprung sei ein früheres Erlebnis, ein ins Unbewusste verdrängtes Trauma. Aus dieser Sicht ist Ninas Wiederholungstraum eine periodische Aufforderung des Unbewussten, jenes frühere Erlebnis zu verarbeiten, als Nina sich bedrängt, übergangen, missachtet, hilflos ausgeliefert fühlte. Dieses Gefühl des Abgetrennt-seins, des Ungehört-, ja letztlich des nicht Wahrgenommen-, nicht Geliebt-seins.

Der schamanische Traumpfad

Wie gehen wir auf dem schamanischen Traumpfad mit Ninas Wiederholungstraum um? Wir fragen uns zunächst: Ist Nina in derselben Wirklichkeit wie die Eindringlinge? Dem Vorbild der alten Schamanen folgend, nehmen wir an, Träumen sei Leben in einer Wirklichkeit genauso real wie die Wachwirklichkeit, – befreit von deren materiellen Einengungen. Wir sind frei unser eigenes Universum zu träumen, es jeden Augenblick neu aus uns entstehen zu lassen. Träumend sind wir eins mit dem geträumten Universum. Es ist eine herausfordernde schamanische Übung, sich mit mehreren Menschen zusammen in derselben Traumwirklichkeit zu treffen.

Der Traum vom verlorenen Paradies

Wenn Nina nun ihre Angehörigen und Freunde in ihre Welt träumt, für diese aber unsichtbar bleibt, könnte es da sein, dass Ninas Traumerlebnis in einer Schicht jenseits der zwischenmenschlichen Begegnungen wurzelt? Zum Beispiel die Erfahrung des Abgetrennt-seins nicht nur von den liebsten Menschen, sondern vom Aufgehoben-sein in der Welt?

Seit dem Erwachen aus der Traumzeit sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, sind abgetrennt von den anderen, von unserer Einbettung in die Welt, letztlich vom Alleinen. Wir müssen Beziehung aufnehmen, und da kann es uns geschehen, dass wir ungehört bleiben, nicht wahrgenommen, nicht geliebt werden.

Der Traumpfad ist die Suche nach dem Rückweg ins ursprüngliche Alleinsein, -ohne Verlust des errungenen Bewusstseins. Ziel ist nicht die Regression, sondern das Erwachen in der Transzendenz, im Licht. Auf diesem Weg ist viel Heilung möglich, spirituelle Heilung.

Angst und unvollendete Träume

So wie Nina träumen wir alle in der westlichen Wach-Zivilisation: Wir verlieren beim Einschafen das Bewusstsein, sind dem Ansturm unserer unvollendeten Träume ausgeliefert und bleiben in deren Brandungszone gefangen. Wir erreichen nie das offene Meer.

So geschieht es auch Viktor, der eines Nachts im Traum Stimmen hört, die zu ihm sprechen und ein Hund erschreckt ihn, der am Fussende auf der Decke liegt. Viktor will im Traum fliehen, findet aber seinen Körper erstarrt. Panische Angst überwältigt ihn. Gleichwohl flieht er nicht in die Wachheit. Er ahnt, dass alles ein Traum ist.

Auf dem Weg zum Traumbewusstsein

Aber sein Bewusstsein reicht nicht aus, die unbekannten Wesen anzusprechen. Er will zu seiner Frau ins Nebenzimmer fliehen. Er träumt, dass er mit letzter Anstrengung den erstarrten Körper aus dem Bett bewegt und zu seiner Frau geht. Erschöpft erwacht er voller Angst. Diese hindert ihn lange Zeit, sich abends ruhig schlafen zu legen.

Wir haben nur im sogenannten Wachsein gelernt wahrzunehmen, uns mitzuteilen und zu handeln. Wir verfügen über keinerlei Erfahrungen, den grossen Spielraum unseres Bewusstseins zu erkennen und zu nutzen. Auf dem Traumpfad trainieren wir unser Traumbewusstsein, lernen luzid zu werden, um mit den Traumkräften zu kommunizieren, mit wachen Sinnen wahrzunehmen und unsere Traumwirklichkeit mitzugestalten. So können wir träumend eins werden mit jenen Kräften, die uns sonst ängstigen. Es sind die universellen Lebenskräfte.

Träumen ist die Kunst mit den Kräften des Universums zu tanzen. Castaneda und Taisha Abelar , Namkhai Norbu und weitere tibetische Yoga-Lehrer sowie Patricia Garfield lehren uns diese Kunst. Die Schamanen und Schamaninnen aller Zeiten waren grosse Meister in der Kunst des Träumens.

Das Traumlabyrinth

Der Traumpfad ist die schamanische Reise zurück in die Traumzeit. Aber da ist nicht einfach ein schwarzer Tunnel zu durchqueren, der die Alltägliche und Nichtalltägliche Wirklichkeit trennt, wie wir uns dies bei der schamanischen Reise vorstellen. Wir bedienen uns des Traumlabyrinths.

Der Pfad führt durch das Traumlabyrinth zum Traumplatz. Hier finden wir unseren oder unsere Traumweisen, – Verbündete in der Nichtalltäglichen Wirklichkeit des Träumens. Mit seiner oder ihrer Hilfe lernen wir, uns als Geistwesen zu träumen und mit der universellen Lebenskraft zu vereinen.

Der Traumweise, die Traumweise – Verbündete des Träumens

Die Traumweisen würden Nina und Viktor helfen, ihre abgebrochenen Träume zu einem guten Ende zu träumen. Bei unseren Besuchen im Traumlabyrinth zeigen sie uns all die unvollendeten Träume, die unser Leben oft leidensvoll machen und uns beschränken. Wir lernen erkennen, dass die Belastungen unserer Lebensgeschichte, unvollendete Träume sind, genauso wie unsere Verspannungen des Körpers, unser Selbstbild und die Projektionen über andere. Unsere Überzeugungen, Glaubenssätze, Gewissheiten, Annahmen, Vorurteile sind unfertige Träume. Gemeinsam mit dem Traumweisen befreien wir blockierte Seelenkraft, finden wir unser Traumselbst, unsere Seele mit ihren Wesensbestimmungen und Aufgaben in diesem Dasein. Und wir kommen ganz ohne psychologisierende Deutungen aus.

Das Traumlabyrinth – unser Traumplatz in der Natur

Im Traumlabyrinth gibt es weitere spezielle Plätze zum Stoppen des inneren Dialogs, dem Ablegen innerer Bilder, dem Austanzen der Körperpanzerung. Es gibt Pfade, die uns zu den tiefsten Geheimnissen des Daseins führen. Dorthin, wo wir uns selbst als Traum des Universums erfahren und Einblicke in andere Universen erhalten. Das Traumlabyrinth ist aber auch ein Ort in der Natur der Wachwelt, z.B. in einem Wald, entlang eines Baches. Es ist ein Ort, wo die Natur und wir eins werden zum Traum der Welt.

Das Traumlabyrinth ist ein Ritual des Traumreisens im Rahmen der Konzepte des Meta-Schamanismus. Andere beginnen diesen Namen zu übernehmen, weil Worte frei sind, aber dann oft auch losgelöst vom Inhalt, für den sie ursprünglich standen.

Träumen ist die Urform der schamanischen Reise zu den Quellen der Kraft.

«Träume sind mächtiger als Tatsachen»
Robert Fulghum

Literatur:
Carlo Zumstein: Der schamanische Weg des Träumens (Ariston, H. Hugendubel Verlag, 2003)